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Ehedrama „Gift“ im Theater Hameln

Ein Trauerkrieg

Hameln. Eine gescheiterte Vergangenheit als bittere Ehegeschichte. Ein Kind, das bei einem Unfall stirbt, und eine Familie, die daran zerbricht. Weil „Er“ mit seiner, vor allem aber ihrer Trauer nicht mehr leben konnte. Vor neun Jahren hatte er verzweifelt zwei Koffer gepackt, zog aus. Es ist genau Millennium-Silvester. Jetzt treffen „Er“ und „Sie“, zwei Namenlose quasi, wieder zusammen. Treffen sich auf dem Friedhof, auf dem ihr Sohn beerdigt liegt. „Zwei Schiffbrüchige an einer Boje“, wie es in „Gift. Eine Ehegeschichte“ von Lot Vekemans heißt, mit der das Ernst-Deutsch-Theater am Freitagabend im Theater Hameln gastierte. Ein Zwei-Personen-Stück, das vom Dialog lebt – von Verletzungen, Emotionen, Erinnerungen. „Du bist so bitter“ wirft „Er“ ihr vor – und auch: „Nur dein Drama“. Ein Trauerkrieg, bei dem jedes Wort, jede Äußerung missverständlich wird. Sie kennen sich, reagieren gnadenlos. Jeder verteidigt sein Recht auf seine ganz spezielle Trauer – mehr: Stellt sie aus, setzt sie ein – missbraucht sie. Hilflosigkeit, die immer wieder eskaliert. Sie rächt sich, spielt ihre Vorurteile aus. Und wieder packt er, sozusagen, die Koffer – geht.

veröffentlicht am 14.02.2016 um 21:26 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:29 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Nach der Pause ein völlig anderes Bild. Zwei Vertraute im Dialog – kaum Missverständliches. Erinnerungen ohne Zündstoff. Es darf auch gelacht werden. Nähe – und wie nebenbei: das von ihr arrangierte Treffen, weil der Boden angeblich mit Gift – daher der Titel – verseucht ist und vermutlich zig Gräber verlegt werden müssen. Auch das ihres Sohnes. Selbst das kein Streitthema.

Ein gleichermaßen bedrückendes wie beeindruckendes Drama – und natürlich: Theater. Ein Bravourstück für zwei Solisten. Und die – Nina Petri als „Sie“ und Nicki von Tempelhoff als „Er“ – brillieren, weil sie nicht brillieren wollen. Nur genau hinhören. Auf die Situationen eingehen. Zwei, die sich kennen, ein eingespieltes Paar, auch nach neun Jahren. Kleine spielerische Solitäre, vor allem die stillen Momente, wenn „Er“ sie nur beobachtet – „Sie“ ansatzlos kontert. Ein „altes Ehepaar“ zusammen, weil sie ein furchtbares Schicksal eint, das sie so unterschiedlich zu bewältigen suchen.

Nach neun Jahren, weil Zeit Wunden nur scheinbar heilt. Auch immer wieder neu aufreißt. Und manchmal nur Vorwand ist. Sie muss erkennen, dass auch ihre Erinnerungen brüchig geworden sind – nicht alles erinnert. Und ein Song: „It Must be So“ von Leonard Bernstein – aus „Candide“, das so selten gespielt wird, aber jetzt in einer exzellenten Inszenierung zufällig in der Staatsoper Hannover zu sehen ist.

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Zwei wunderbare Schauspieler – so exzentrisch wie normal, berührend, wie Bühne nur in ihren besten Momenten sein kann. Ein eigenwilliges Stück, an dem man schwer zu knabbern hat – auch weil Wolfgang Stockmann als Regisseur immer wieder Fallen stellt. Kein Spiel vom Blatt. Im Gegenteil: Für Überraschungen ist gesorgt – auch im Normalen. Gesprächsstoff für Diskussionen. Lebendiges Theater, das betrifft, betroffen macht. Was will man mehr.

Nina Petri als „Sie“ und Nicki von Tempelhoff als „Er“ brillieren in „Gift. Eine Ehegeschichte“. Fotos: pr



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