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Lesung in der Münster-Krypa: Le Forts „Das Gericht des Meeres“

„Ein Stück Verkündigung“

HAMELN. Es ist die Zeit Merlins, König Artus Tafelrunde, Grals-Legende – vor allem aber: Zeit, in der unsere Münster-Krypta“ entstand, die nun am Mittwochabend idealer Schauplatz wurde für eine Geschichte, die den Mythos Meer beschwört.

veröffentlicht am 12.10.2017 um 15:01 Uhr
aktualisiert am 12.10.2017 um 16:10 Uhr

Bewährte Vorleser: Dramaturgin Ilka Voß und Theaterdirektor Wolfgang Haendeler unterhielten in der Münsterschen Krypta mit Getrud Le Forts Geschichte „Das Gerichtd des Meeres“. Foto: geb
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Autor

Richard Peter Reporter
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„Das Gericht des Meeres“ heißt die Erzählung von Gertrud von Le Fort, die 1876 in Minden – also fast um die Ecke – geboren wurde und einer protestantischen preußischen Offziersfamilie entstammt, deren Güter im Mecklenburgischen lagen. 1926 konvertierte sie zum katholischen Glauben. In Gertrud Le Forts Werk geht es um die Suche nach religiöser Wahrheit – um Erlösung. Zeitlebens widmete sich die Schriftstellerin aber auch dem Schicksal der Frau, wie in ihrem Roman „Das Schweißtuch der Veronika“.

Zwei Stichworte für das „Auswärtsspiel“ unseres Theaters, das dank Brandschutz zum Tingeln verurteilt ist und mit „Aufgelesen“ das zarte Pflänzchen Lesungen – in diesem Fall mit Theaterdirektor Wolfgang Haendeler und seiner Dramaturgin Ilka Voß, erfolgreich und an ungewohntem Ort fortführt. Selten – so Haendeler –, dass Stoff und Ort so stimmig zusammenpassen. Und in diesem speziellen Fall als „Ein Stück Verkündigung“ bezeichnet.

Worum es geht: alttestamentarische Rache gegen Vergebung der Schuld gesetzt – auch um den Preis des eigenen Lebens. Antigones, lange vor Christus formuliertes „Nicht mitzuhassen, mit zu lieben bin ich da“ quasi als Leitmotiv dieser so weit ins Mythische reichenden Erzählung. Ein bisschen fremd allemal, weil so vieles im Zauberisch-Abergläubischen wurzelt, zu dem wir im digitalen Zeitalter kaum noch Zugang haben.

Ein kleiner faszinierender Trommelwirbel als Einstieg: Überfahrt von der Küste der Normandie nach Cornwall – und plötzliche Flaute. Die Schiffe von König Johann unbeweglich – und der kleine Prinz an Bord von einer seltsamen Krankheit befallen. Einer Art Wachkoma. Und als Thema: königlicher Mord am jungen Herzog – ewiger Schlaf also. Und im Gegenzug: der kleine Prinz, gewissermaßen ewig wach. Eine faszinierende Metapher. Die Ärzte an Bord ratlos und keine Chance, an ein Ufer zu gelangen. Einziger Ausweg: die Geisel Anne de Vitré, die von ihrem Mitgefangenen Budoc auf das königliche Schiff gebracht wird, um mit ihrem „bretonischen Schlummerlied“ den Kleinen in den Schlaf zu singen. Ausgerechnet die Gegnerin, ja Feindin, soll nun der Königin mit dem „kleinen, nichtigen Gesicht“ das Kind retten. Das Geheimnis des so mysteriösen Wiegenlieds: der erste Teil verspricht Schlaf – der zweite den Tod. Den ewigen Schlaf.

Anne spürt das Dilemma, hält den kleinen Prinzen im Arm, erinnert ihre Kindheit, als sie ihren kleinen Bruder so gerne im Arm gehalten hätte – beginnt zu singen. Der Kleine darf endlich die Augen schließen – schläft. Aber das Meer verlangt ein Opfer. Anne bricht ihr Zauberlied ab. Die Liebe zu dem kleinen Jungen besiegt den Hass. Keine Rache als christliche Botschaft. Anne wird von Budoc, der unversöhnlich bleibt, ins Meer gestoßen. Dort hört sie, wie ihre Mutter das Schlummerlied zu Ende singt. Anne als Opfer.

Ein Stück Verkündigung, wie Wolfgag Haendeler es nannte. Auch diesmal wieder Ilka Voß und unser Theaterdirektor als zwei uneitle Leser, die diese so poetische, wortverliebte Geschichte fast nüchtern vortragen, auf die Wirkung Le Forts vertrauen und damit – getragen auch vom historischen Flair der Krypta – ihr Publikum spannend unterhalten.

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