weather-image
25°
Resonanz auf documenta ist fabelhaft – und das nicht nur wegen Grimm’scher Spuren

Ein Sommermärchen schon zur Halbzeit

Kassel. Moderne Kunst habe den Platz der Sagenwelt eingenommen. Die Kunst erzähle „Märchen für Erwachsene“, behauptet der Kasseler Kunsthistoriker und Autor Christian Saehrendt in seinem alternativen Führer zur und durch die documenta-Stadt. Besonders beliebt sei das Märchen von der Kunst, „die zwölf Jahre lang von einem bösen Bann belegt, in einem finsteren Turm gefangen“ gewesen sei. Nach Jahren der Verfolgung und Missachtung sei sie nicht zuletzt dank der documenta „zum Symbol für eine neue, freie Gesellschaft geworden“. Die Chefin der documenta 13, die italienisch-bulgarisch-amerikanische Kunsthistorikern Carolyn Christov-Bakargiev, hat sich stärker in die Geschichte der documenta und der Stadt Kassel vertieft als ihre Vorgänger. Und dieses Einfühlungsvermögen der documenta-Leiterin trägt bereits jetzt, zur Halbzeit der Kunstausstellung, pralle Früchte: Bereits mehr als 10 000 Dauerkarten sind verkauft worden. Das ist ein Besucherrekord. Denn bei der 12. Ausgabe der Gegenwartsschau im Jahr 2007 seien es noch 5901 Dauerkarten gewesen. Damals zählten die Veranstalter 750 000 Besucher.

veröffentlicht am 25.07.2012 um 17:45 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 02:21 Uhr

270_008_5670860_ku_101_2607_documenta.jpg

Autor:

Johanna Di Blasiund Julia Marre
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Christov-Bakargiev ist eine große Märchenliebhaberin. Als die temperamentvolle documenta-Chefin vor zwei Jahren nach Kassel übersiedelte, um die Weltkunstschau vorzubereiten, bezog sie in einem Wohnhaus Quartier, in dem einst die Brüder Grimm gelebt hatten. Denn 2012 ist nicht nur documenta-Jahr. Es wird auch das 200-jährige Jubiläum der Herausgabe der Grimm’schen Hausmärchen gefeiert.

Auf ihrer documenta hat Christov-Bakargiev zahlreiche Märchenspuren ausgelegt. Unübersehbar sind diese im Museum der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, das als documenta-Schauplatz stärkere Aufmerksamkeit genießt als üblich. In dem in einer Villa aus dem frühen 18. Jahrhundert untergebrachten Museum begegnet man einem der Lieblingskünstler von Christov-Bakargiev: dem 1957 geborenen Bulgaren Nedko Solakow. Er spielt dort Kinder- und Jugendträume ebenso konsequent wie ironisch durch. Als kleiner Junge wollte er Ritter werden, später Schlagzeuger. In Installationen und Videos verquickt er seine Träume und Wünsche – beispielsweise einen ferngesteuerten Helikopter zu besitzen – auf absurde Weise. Er bemüht sich mit eisernem Ritterhandschuh, den Spielzeughelikopter zu navigieren. Wie fürchterlich es wäre, wenn Kinderträume das Erwachsenenleben bestimmten, zeigt Solakov auf amüsante Weise.

Der Märchenlogik folgt auch der für die documenta 13 zentrale Rundgang durch den Auepark. Es ist eine Wanderung durch eine Art Grimm’schen Märchenwald. Ein Kunstgriff der documenta 13 besteht darin, das oft reizüberflutete Kulturpublikum ins Grüne zu schicken. In dem Lustgarten kann man kilometerlange Spaziergänge unternehmen. Automatisch stellt sich Distanz zum Alltag her. Man lauscht Singvögeln, hört Käuzchen rufen. Und zwischendrin tauchen – wie im Märchen – sonderbare Behausungen auf: Blockhütten mit hohen Lattenzäunen, roh gezimmerte oder pechschwarz gestrichene Unterkünfte, Kräutergärten und ein Beduinenzelt, in dem Frauen aus der Sahara Couscous servieren.

Als Spaziergänger fühlt man sich magisch angezogen von den Behausungen. Der Ausstellungsbesuch wird zur Entdeckungs- und Fantasiereise. Auf den Kunstwanderer warten Überraschungen wie ein hypnotischer Meditations- und Reflektionsraum oder ein Sanatorium zum Auskurieren kleiner Wehwehchen. Eskapismus – in der modernen Kunst lange verpönt – kommt über Hintertüren wieder zurück. Gegenwelten zu erträumen, muss nicht gleichbedeutend sein mit Wirklichkeitsblindheit.

Zu den Hütten im Park kamen nach dem Ende der Berlin Biennale Zelte vor dem Fridericianum hinzu. Occupy-Aktivisten aus Athen, New York und Moskau wechselten, nachdem sie die Berliner Künstlerschaft politisiert hatten, Anfang Juli nach Kassel.

Die anfängliche Skepsis gegenüber der documenta-Leiterin mit den weitschweifigen Interessen war schon mit dem Eröffnungstag wie weggeblasen. Klingt doch sehr nach einem märchenhaften Happy End.

Die documenta läuft noch bis zum 16. September: http://d13.documenta.de.

Eine Besucherin begutachtet im Museum Fridericianum eine Acryl-Malerei von Warlimpirrnga Tjapaltjarri. Wer von der documenta Einblicke in die zeitgenössische Malerei erwartet, wird enttäuscht. Es dominieren Skulpturen und Installationen. Foto: dpa

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare