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An Tiefe fehlt es der im Theater aufgeführten Inszenierung von Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“

Ein Segeltörn in allzu seichtem Gewässer

Hameln. Schon das Bühnenbild sagt alles: Etwas schlicht wird’s, farblos, leidenschaftslos. Was Telse Hand an funktional-nichtssagendem Mobiliar im blau-weißen Matrosenlook zusammengestellt hat, mag alles sein. Eine gemütliche, leicht verschrobene Ferienwohnung, in die man gern im elften Jahr in Folge reist, ist es keineswegs. Vielleicht steht es, das aufdringlich mit Segeltuch ausstaffierte Vorzimmer der Ungemütlichkeit, aber auch ganz passend für die kalte Gewohnheit, die sich ins Leben seiner Bewohner eingeschlichen hat. Ein emotionaler Frost, der sich nicht nur in eisigen Fersen und dem Kalte-Füße-vor-dem-Leben-Haben äußert.

veröffentlicht am 26.01.2011 um 17:25 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 04:21 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“, die nun im Theater Hameln vom zufällig gemeinsamen Urlaub zweier Paare am Bodensee erzählt, entlarvt aufs Schönste deren gegensätzliche Lebensentwürfe. Helmut, der behäbige Oberstudiendirektor, hat sich arrangiert und abgefunden mit seinem an ihm vorbeiziehenden Leben. Sabine, seine Frau, ist verzweifelt darüber – eigentlich lebenshungrig, aber müde, den schweigenden Bremser zu reanimieren. Klaus, der Freund von früher, strotzt vor aufgesetzter Jugend und blindem Tatendrang. Und Helen, dessen 18 Jahre jüngere Frau, funktioniert im sich schnell und schneller drehenden Karussell aus Lebenshunger und Forderungen. Aus Liebe zu ihm. Ihre eigenen Träume scheint sie längst abgehakt zu haben.

Die Theaterfassung von Ulrich Khuon und Martin Walser kommt zweifellos mit weitaus weniger Wucht daher als die Romanvorlage. Wo die literarischen Protagonisten am Ende das Neue suchen und sich weiterentwickeln, bleiben sie auf der Bühne unverändert zurück: verlogen, gefangen in Routine und ängstlich, dass die Wahrheit ans Licht kommen könne.

Die Idee, die Handlung allein in die Ferienwohnung zu verlegen, in jenen intimen Rückzugsbereich von Sabine und Helmut, ist großartig. Hier kocht das Gewohnheits-Einerlei über, brodeln Ungewissheit, Sehnsucht, Angst, Verletzung und Frust.

Die Inszenierung von Kai-Uwe Holsten funktioniert wie ein Erzählstück: Jeder ist mal dran. Der Fokus aber liegt auf Helmut. Und das ist gut so, denn er ist eindeutig der Mittelpunkt. Ulrich Bähnk spielt diesen Knecht seiner eigenen Zwänge als trostlosen Stoiker, legt seine Figur zielsicher auf die Opferrolle fest – und die spielt er ebenso konsequent wie überzeugend. Ebenfalls gut: Oliver Sauer als aufgesetzt quirliger und zügelloser Klaus. Sonja Stein spielt sich als Helene wenigstens mit ihrem emotional aufwühlenden Monolog frei. Anne Schiebers Sabine hingegen bleibt bedauerlicherweise blass: Wo ist ihre Verzweiflung? Wo ihre Resignation? Wieso zeigt sie so wenig Tiefe? Weshalb ist die von ihr verkörperte Figur so unreflektiert und hilflos?

Am Ende gibt es einen wohlwollenden Applaus von einem großen Publikum, das sich offensichtlich für keinen der vier Schauspieler bewusst entscheiden konnte. An fehlender Theatralität und Tiefe der Vorlage hat es wohl kaum gelegen.

Mit Ende 40 hat man noch Träume? Wohl kaum: Helmut (Ulrich Bähnk) zeigt sich unbeeindruckt von den Plänen seiner Frau Sabine (Anne Schiebers). Foto: Theater



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