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Lesungen im Hamelner Theaterfoyer

„Ein Monat auf dem Land“ – eine berührende Sommergeschichte

HAMELN. Wer bei „Ein Monat auf dem Land“ an Turgenjev und dessen einziges Theaterstück denkt, liegt durchaus richtig. Auch wenn es dann um etwas ganz anderes geht. Gleicher Titel, anderes Genre – vor allem: anderer Autor. J. L. Carr mit einer sommerlichen Geschichte, die 1920 in Yorkshire spielt.

veröffentlicht am 22.03.2018 um 14:53 Uhr
aktualisiert am 22.03.2018 um 16:10 Uhr

pe

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Reporter

Und die in der Reihe „Aufgelesen“ in dieser Woche an vier Abenden im Hamelner Theaterfoyer vorgelesen wurde. Der Start war am Montagabend mit Theaterchef Wolfgang Haendeler und Dramaturgin Inka Voß als perfekt eingespieltes Team.

„Als der Zug zum Stehen kam ...“ – so beginnt diese Novelle um den jungen Restaurator Tom Birkin, der eben erst Weltkrieg Nummer Eins überlebt hat, wenn auch traumatisiert und mit Gesichtszuckungen geschlagen. Hier auf dem Land verspricht er sich, ein bisschen Frieden zu finden, während er in der Kirche Fresken freilegen soll. Vor allem ein vermutetes „Jüngstes Gericht“. Bei seiner Ankunft gießt es in Strömen, dagegen schützt auch sein bodenlanger Mantel in Fischgrät-Tweed nicht. Vorkriegsmodell von 1907. Die Kirche erweist sich als „Allerweltsbauwerk“ aus „Hungerleiderland“, wie es heißt. „Hier war ich also“, stellt Birkin fest und trifft an seiner Wirkungsstätte auf Reverend Keach. Der ist kein Freund des Fresken-Auftrags. Es geht um praktische Dinge – einen ungewöhnlichen Ofen etwa, der in Abständen Aschewolken ausspuckt. Die unter Kalkputzschichten vermuteten Fresken werden dem 14. Jahrhundert zugeschrieben, als der „schwarze Tod“ wütete.

Mit ähnlichem Auftrag – ein verschollenes Grab zu finden – trifft Birkin auf den ebenfalls jungen Archäologen Charles Moon. Zwei Seelenverwandte mit ähnlichen Kriegserlebnissen. Der Christus, den Birkin als erstes freilegt, ist „keiner aus dem Katalog“. Im Gegenteil: höchst künstlerisch und eigenwillig gestaltet. Ein Glücksfall. Und der junge Restaurator sieht sich selbst bescheiden als „Arbeiter, der das Werk eines Künstlers wieder zum Leben erweckt“. Eine berührende Sommergeschichte, in der nicht nur die Fresken Schicht für Schicht freigelegt werden – auch die Lebensschichten der Menschen in diesem nordenglischen Dorf.

Mit Cornelie von Blum, Traute Römisch und der ehemaligen Direktorin des Hamelner Theaters, Dorothee Starke, waren neben Ilka Voß weitere ausgewiesene Vorleserinnen am Werk. Die Novelle, die erst vor zwei Jahren in deutscher Übersetzung erschien, wurde bereits 1987 mit Colin Firth und Kenneth Branagh verfilmt.

Was Haendeler und Voß bei ihren Lesungen auszeichnet: Sie erzählen unprätentiös eine Geschichte, in der sie sich geschickt abwechseln. Und auch die „aufgelesenen“ Geschichten selbst garantieren, dass die Zuhörer „in Scharen zu uns kommen“, wie Haendeler selbstbewusst feststellen durfte. Rund 50 Besucher – für eine Lesung in Hameln geradezu sensationell.



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