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In Gilla Cremers Schauspiel „Die Dinge meiner Eltern“ geht es um mehr als nur eine „Haushaltsauflösung“

Ein Leben auf den Müll werfen?

Hameln. Agnes ist nicht zu beneiden. Im Auftrag ihrer Schwestern muss sie Haus und Haushalt ihrer verstorbenen Mutter auflösen. Entschlossen und mit viel Elan geht die Tochter an die Arbeit, inventarisiert und kategorisiert die dinglichen Überbleibsel eines ganzen Lebens.

veröffentlicht am 12.10.2014 um 17:53 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 15:41 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Das gerät ins Fadenkreuz von „Behalten“, „Wegwerfen“, „Verkaufen“ und „Verschenken“. Schnell merkt Agnes, dass es nicht nur um die Hinterlassenschaften ihrer Eltern geht, sondern vor allem ihr eigenes Leben Revue passiert. „Jede Erinnerung ist eine Wiederaneignung“, sagt sie, fortwährend von paralysierenden Erinnerungen überwältig, nahezu unfähig zu entscheiden, was denn nur endgültig weg, was aufgehoben werden kann.

Wer schon einmal Haus oder Wohnung eines verstorbenen Elternteils derart hat „entrümpeln“ müssen, mit sich, seiner Kindheit und Jugend neu konfrontiert wurde, den rührt Gilla Cremers Spiel zu Tränen. Denn die trifft nicht nur die Problematik punktgenau, sondern setzt in ihrem unter die Haut gehenden Spiel mit einer Wand aus Umzugskarton das in ein selbsterkennendes Psychogramm mündende Geschehen auch schauspielerisch mit allerhöchster Qualität um. Rat- und rastlos werden die Kartons immer wieder neu geordnet, zusammengefügt, neu gestapelt, wieder auseinandergerissen. Was bloß aufheben, was wegwerfen?

Genial wie dabei der Schaukelstuhl des längst verblichenen Vaters oder der erste Plattenspieler der pubertierenden Agnes angedeutet, ein Kartonstapel zum Spiegel der Suche nach dem „Wer bin ich eigentlich?“ wird.

„Was vom Leben übrig bleibt, kann alles weg“, zitiert Agnes den Entrümplungs-Profi. Wenn es denn nur so einfach wäre. Es geht um den Verlust von Geborgenheit und Zuversicht, um Angst und Alleinsein, um an den Dingen unsichtbar Anhaftendes, um verpasste, ungestellte Fragen und um erst jetzt deutlich werdende, entscheidende Weichenstellungen im Leben. Alles vorbei, unwiederhol- und unkorrigierbar.

Was aber tun mit dieser Last der Erinnerung? Mit all den Gerüchen, Bildern, Fotos, Gedanken. Alles in den Container, auf den Müll? Oder den Dingen neue Sinnzusammenhänge geben? Doch welche?

Immer wieder bricht Cremer die Unerträglichkeit der Entscheidungsqual mit Humor, erntet erleichterten Applaus für eine grandiose, atemlose, minutenlange Aufzählung der auf ihren „listigen Listen“ seitenweise verzeichneten Utensilien, vom Keller bis unter Dach, von der Garage bis zum Garten.

Das Stück ist ein ergreifendes Spiel um Trauerarbeit und Neuorientierung, und doch die quälende Frage bleibt: was mitnehmen, was wegwerfen?

Wer bin ich? Wer will ich sein? Sehr lang anhaltender Applaus für eine exzellente schauspielerische Leistung einer beeindruckenden Akteurin. Deren abschließende Frage, welche drei Dinge man selber von seinem Leben wohl aufheben würde, lässt über diesen Abend noch lange nachgrübeln. So sieht es also aus: drei Dinge. Alles andere auf den Müll.



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