weather-image

In der Schreibwerkstatt und auf der Bühne: Sebastian 23 ist Vizeweltmeister im Poetry Slam und zu Gast in der Sumpfe

Ein Kapuzenpulli-Philosoph zwischen Klamauk und Kafka

Hameln. „No Silence to the End“ steht auf den Bandpostern. Deren Rückseite nutzt Sebastian 23 als Flipchart-Blätter. Keine Stille? Von wegen. Im Gruppenraum der Sumpfblume ist es am Samstagnachmittag immer mal wieder sehr ruhig. Wenn die gewissen 15 Minuten angebrochen sind: Schreibübungen. Nebenbei wird vorgelesen und nachgedacht, vorgeschlagen und hinterfragt. „Local Arts“ heißt die Reihe, in der sich die Sumpfblume der lokalen Kunst- und Kulturszene widmet und den Poetry-Slam-Workshop anbietet. Diesmal geht es um Literatur, um Poesie, ums Texten und um Performance.

veröffentlicht am 22.01.2012 um 18:54 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 19:41 Uhr

270_008_5165140_ku108_2301.jpg

Autor:

Julia Marre
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Der Workshop kann nur ein Impuls für Euch sein“, sagt Dozent Sebastian 23 im Kapuzenpulli. „Ein Impuls dafür, dass Ihr Euch jeden Tag hinsetzt und schreibt. Um des Schreibens willen.“ Er ist hauptberuflich nicht Philosoph (auch wenn er das studiert hat), er ist Poetry-Slam-Maestro. Mit Vizeweltmeister-Titel. Auf den Bühnen Deutschlands steht er während jenen Literaturshows, in denen Texte, Verse, Reime, Prosa oft lebhaft und immer unterhaltsam vorgetragen werden. „Slammern wird häufig vorgeworfen, ihre Vorträge seien zu plakativ“, erklärt er. „Das aber liegt in der Natur der Sache, man schreibt ja für den Vortrag, da darf’s nicht allzu komplex sein.“

Am Abend wird Sebastian 23 aus seinen Poetry-Slam-Beiträgen eine Ein-Mann-Show stricken. Komplex wird die tatsächlich nicht sein, sondern mittelmäßig unterhaltsam, gelegentlich albern, manchmal lustig, gespickt mit Filmzitaten und gut durchdachten Texten. Vor einem gut besuchten Sumpfblumensaal wird er „DSESS“ geben: sein zweites Soloprogramm „Dem Schicksal ein Schnittchen schmieren“. Auch wenn’s darin weder um Stullen noch um Schicksal geht. Stattdessen wird der sympathische Gebrauchslyriker charmante Lieder wie das von der Grundschullehramtsstudentin singen. Er wird Witze in zehn Variationen aufsagen, die dadurch nicht witziger werden. Er wird Zugaben geben – „damit ich nicht in der Garderobe weine“. Fahrt wird die Show immer dann aufnehmen, wenn er seine sehr bühnentaugliche Poesie vorträgt, rappt, unterbricht, kommentiert, weiterführt.

Am Nachmittag geht es drinnen um die Mittel der Performance, während draußen die Weser schwappt und der Wind die Pluto schüttelt. Was bewirken Mimik, Gestik, Lautstärke, Betonung, Rhythmus und Tempo eines Vortrags? Wie kann eine Performance aussehen, die nur sieben Worte beinhaltet: „Hallo“ – „Ja“ – „Vielleicht“ – „Hundert“ – „Ach“ – „Nein“ – „Tschüss“. Neben szenischem Spiel schreiben die zehn Teilnehmer Geschichten über besondere Tiere. „Welches Genre Ihr wählt, ist egal. Es geht ja darum, kreativ zu sein“, sagt der Poet an der Flipchart. Also schreiben die Teilnehmer eine Erzählung vom narzisstischen Papagei, ein Gedicht über die treue Made, eine Fabel über den grausamen Frosch mit Strohhalm im Po, einen Vers über den arroganten Elefanten. „Guter Reim, guter Rhythmus“, urteilt Sebastian 23 und applaudiert.

Dann verteilt er Hausaufgaben: Einen Antworttext auf einen Zeitungsartikel zu schreiben, sei ein guter Test. Sowie ein Liebes- oder Hasstext über einen ganz alltäglichen Gegenstand, ein Elfchen, Haiku oder Limerick, vielleicht ein Sonett. „Das hab ich selbst übrigens noch nie geschrieben“, gesteht er und schmunzelt. Einen Text trägt er noch vor. Es gibt Applaus. Abschiedsstimmung. Und Stille.

Sagt Gedichte ohne Worte auf und nimmt im bürokratischen Stempelkissen-Staccato das Finanzamt auf den Arm: Sebastian 23.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt