weather-image
29°

Ein großes Vergnügen und den Kleist als Kleist gespielt

Von Jürgen Schoormann

Hameln. Manchmal erweist sich eine Ersatzlösung geradezu als Volltreffer. Das Potsdamer Theater „Poetenpack“ sprang kurzfristig ein für Norbert Kentrups Shakespeare-Inszenierung: statt Heinrich VIII. nun also Dorfrichter Adam. Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ entstand 1806 als Ergebnis eines Dichterwettstreits, nachdem er einen Kupferstich von Le Veau gesehen und den Ödipus von Sophokles gelesen hatte. Das Bild gab ihm die Anregung zum Milieu, die antike Tragödie lieferte die Grundidee: Jemand muss einen Fall aufklären, bei dem er selbst der Schuldige ist.

veröffentlicht am 04.11.2010 um 11:49 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 11:21 Uhr

kultur
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Von Jürgen Schoormann

Hameln. Manchmal erweist sich eine Ersatzlösung geradezu als Volltreffer. Das Potsdamer Theater „Poetenpack“ sprang kurzfristig ein für Norbert Kentrups Shakespeare-Inszenierung: statt Heinrich VIII. nun also Dorfrichter Adam. Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ entstand 1806 als Ergebnis eines Dichterwettstreits, nachdem er einen Kupferstich von Le Veau gesehen und den Ödipus von Sophokles gelesen hatte. Das Bild gab ihm die Anregung zum Milieu, die antike Tragödie lieferte die Grundidee: Jemand muss einen Fall aufklären, bei dem er selbst der Schuldige ist.
 In einem bei aller Einfachheit stimmungsvollen Bühnenbild (Janet Kirsten) entfaltet sich das Geschehen um den genussfrohen Junggesellen und Dorfrichter, der versucht hat, sich die junge Eve durch Erpressung gefügig zu machen. Den Mangel an äußerlicher Attraktivität hofft er mit seiner Amtsautorität wett zumachen. Das soll ja auch bei heutigen Amtsträgern durchaus noch vorkommen. Jaqueline LeSaunier spielt die Eve mit mädchenhaftem Liebreiz, anfangs unsicher und zögernd, schließlich aus Liebe zu ihrem Ruprecht zielbewusst den Übeltäter entlarvend.
 Tilmar Kuhn macht die Rolle ihres Verlobten Ruprecht in seiner auch sprachlich glänzend präsentierten Aussage zu einem kleinen Kabinettstück. Wie er seine Sicht der Dinge umständlich und detailverliebt vorbringt, das hat einfach Klasse! Gleiches gilt für Gundi-Anna Schick in der Rolle der Marthe. Auch sie bewältigt die ausschweifende Erzählung vom Schicksal des Kruges in jedem Moment überzeugend.
 Nachdem der Richter zunächst alles daran gesetzt hat, Ruprecht als den Krugzertrümmerer zu entlarven, gibt ihm der Auftritt der Frau Brigitte (Thea Schnering) Gelegenheit, den Teufel als Täter ins Spiel zu bringen. Mit dieser Wendung hat die Aufsichtsbehörde, die in Gestalt des Gerichtsrats Walter die dörfliche Gerichtsbarkeit unter die Lupe nehmen will, natürlich ein Problem. Derart mittelalterliche Vorstellungen bei der Klärung des Falles erheitern Walter mehr, als dass sie ihn erzürnen. Er hat ja den (alten) Adam längst durchschaut, und Andreas Hueck (zugleich auch Regie) agiert souverän zwischen Strenge und Milde, wenn er den Richter am Schluss zwar des Amtes enthebt, im übrigen aber Gnade vor Recht ergehen lässt. Und so darf der ehrgeizig dienernde Schreiber Licht (Thomas Mai) schließlich die lange schon begehrte Richterrobe anziehen.
 Jede Aufführung dieses Lustspiels steht und fällt mit der Besetzung der Rolle des Adam. Und hier hatten die Potsdamer mit Teo Vadersen einen Vollblutschauspieler, der in Gestik und Mimik eine grandiose Verkörperung des Adam bot. Wie er mal naiv, mal verschlagen, mal unterwürfig, dann wieder auftrumpfend mit einer neuen Lüge, augenrollend und weinselig diesen Adam auf die Bühne stellte, das bereitete dem Publikum größtes Vergnügen.
 Ein großes Lob verdient auch die ausgefeilte, immer gut verständliche Sprachbehandlung aller Darsteller, die gerade bei Kleist unverzichtbar ist.
Und schließlich: wir sahen endlich mal wieder einen Klassiker, bei dem sich nicht ein ambitionierter Regisseur mit wilden Aktualisierungen profilieren wollte, sondern der Autor wurde ernst genommen. Das zahlreiche Publikum hat das mit herzlichem Beifall honoriert.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare