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Prädestiniertes Orchester und hervorragende Solisten: Bachs „Matthäus-Passion“ in der Marktkirche

Ein fesselndes, gar dramatisches Hörerlebnis

Hameln. Bachs „Matthäus-Passion“ ist unbestritten eines der erhabensten Werke der musikalischen Weltliteratur. Wie konnte es nur geschehen, dass sie kurz nach ihrem Entstehen und wenigen Aufführungen in Vergessenheit geriet? Es ist das Verdienst von Felix Mendelssohn-Bartholdy, sie 100 Jahre später, 1829, im Leipziger Gewandhaus wiederentdeckt und für immer im Bewusstsein der Musikwelt gefestigt zu haben.

veröffentlicht am 15.03.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 09:41 Uhr

Mitfühlend: Lothar Blum als Evangelist.

Autor:

Ernst-Wilhelm Holländer
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In Hameln gibt es auch einen Menschen, der sich um die „Matthäus-Passion“ verdient gemacht hat: Hans Christoph Becker-Foss, seit mehr als 30 Jahren Kantor an der Marktkirche St. Nicolai und mit dem Werk eng vertraut. Mehrmals konnten wir es unter ihm erleben.

Feinheiten in der Gestaltung

Nun also wieder die „Matthäus-Passion“ in der voll besetzten Kirche. Würde sich die Aufführung von den vorhergehenden unterscheiden? Sie tat es! Natürlich gab es mit der Hamelner Kantorei an der Marktkirche, mit der Jungen Kantorei und Mitgliedern des „göttinger vokalensembles“ einen Chor von höchster Qualität, natürlich hatte man ein für diese Aufgabe prädestiniertes Orchester, verfügte über hervorragende Solisten. Aber welche Feinheiten der Gestaltung waren diesmal zu beobachten! Becker-Foss hatte die Aufteilung in getrennte Chöre und Orchester konsequent betrieben (nur bei den Männerstimmen ging das mangels Masse nicht), hatte die Aufstellung der Gesangs- und Instrumentalsolisten genau durchdacht. So gab es zeitweise ein fesselndes, gar dramatisches Hörerlebnis: Die Szenen gelangen geradezu mitreißend, wenn auch immer wieder von lyrischen Passagen durchbrochen.

Es musizierte das Barockorchester „Schirokko“ aus Hamburg, das alte oder nachgebaute Instrumente spielt und somit einen gleichsam „authentischen“ Klang schafft. Wenn man besonders darauf achtete, vernahm man wunderschöne solistische Leistungen, zumal Bach ja gerade für die Instrumentalparts viel Feingefühl zeigte.

Wie gewohnt, standen kundige Gesangssolisten zur Verfügung, und wenn auch der Sänger der Christuspartie, Erik Sohn, kurzfristig krankheitshalber absagen musste: Kammersänger Andreas Scheibner übernahm diese Partie mit und schuf ein kleines Wunder: Man glaubte, verschiedene Interpreten zu hören! Auch gestaltete er den Christus nicht als sanften, gar wehleidigen Menschen, sondern durchaus als selbstbewusste, fast kernige Figur, was ihr gut bekam.

Lothar Blum war der Evangelist und brachte den Text sehr wortverständlich, auch mitfühlend, mit klarem, höhensicherem Tenor zum Tragen, beeindruckte auch in den Arien.

Verena Usemanns Stimme ist zupackend und glänzend, aber etwas kühl, und man hätte sich manchmal das Volumen und die Tiefe eines echten Alt gewünscht. Doch gelang ergreifend etwa das „Ach, Golgatha“. Cornelia Samuelis sang den Sopranpart; ihre Stimme ist einfach schön zu hören. Wenn es unter den vielen Höhepunkten einen besonderen gab, so war es die Gestaltung der Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“. Das berührte.

Den Chören ist immer wieder Anerkennung gezollt worden. Natürlich faszinierten die dramatischen Ausbrüche, der „Barrabam“-Schrei, die Gewitter-Szene, natürlich gelangen der große Einleitungschor, bei dem der Kinderchor mitwirkt, oder der tröstliche Schlusschor. Aber wie viel Feinarbeit leistete man bei den herrlichen Chorälen, die nicht im vierstimmigen Satz abgesungen wurden, sondern besondere Dynamik, eigenen Ausdruck, oft betörenden Klang erhielten. Da war man als Hörer angerührt…

Von Kopf bis Fuß von der Musik gepackt

Und schließlich der Leiter der Aufführung, Hans Christoph Becker-Foss: Auch für ihn wurden stets Worte hoher Anerkennung gefunden. Wenn man ihn beobachtet, stellt man fest, dass er von Kopf bis Fuß von der Musik gepackt ist. Zu bewundern ist, wie er nicht nur dirigiert, sondern beschwört, anfeuert, mit klaren und oft großen Gesten Details herausarbeitet oder großflächigen Klang erzielt. Etwas gewöhnungsbedürftig sind manchmal seine sehr raschen Tempi, aber er wird seine Gründe dafür haben.

Noch eines ist zu spüren: Das Herz gehört dazu! Und da sind wir wieder bei den Verdiensten, die Becker-Foss sich in Jahrzehnten für das Musikleben in Hameln erworben hat und hoffentlich noch lange haben wird.



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