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Werner Seitzers Abschiedskonzert

,,Ein Fels in der Brandung“

HILDESHEIM. Werner Seitzer, seit 33 Jahren Musikchef am Stadttheater Hildesheim, geht in den Ruhestand. Sein letztes Konzert im bis auf den letzten Platz besetzten Großen Haus wurde zum bewegenden Abschied und zum Triumph für einen Menschen, der das Musikleben einer ganzen Region geprägt hat.

veröffentlicht am 19.06.2017 um 13:53 Uhr
aktualisiert am 19.06.2017 um 18:20 Uhr

Ein Meister mit dem Taktstock: Werner Seitzer. Foto: Andreas Hartmann
Holländer1

Autor

Ernst-Wilhelm Holländer Reporter
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Auch in Hameln war Seitzer seit Langem wohlbekannt; man erinnert sich an herausragende Konzertabende, an Opernaufführungen, ganz besonders aber an die von ihm geleiteten und kundig moderierten Neujahrskonzerte. Leider wurde die von ihm begonnene Vorstellung aller Beethoven-Sinfonien hier nicht fortgeführt.

Nun also in Hildesheim das letzte große Konzert mit dem Titel „Les Adieux“, an dem der Autor teilnehmen wollte.

Zu Beginn gab es die fröhliche „Akademische Festouvertüre“, die Johannes Brahms der Universität Breslau widmete, hier in Anspielung an die von Seitzer zu Beginn seiner Tätigkeit musizierte „Tragische Ouvertüre“. Es folgten zwei klassische Kostbarkeiten: die Romanzen für Violine und Orchester von Ludwig van Beethoven. Die junge Geigerin Katharina Weiß spielte mit sonorem Ton das Stück in F.Dur, opus.

Ein weiterer musikalischer Sohn betrat das Podium, nahm am Flügel Platz: Friedemann Seitzer. Gemeinsam mit den beiden anderen Solisten wagte man sich an einen Satz („Ludus“) des Doppelkonzerts für zwei Violinen, Streichorchester und präpariertes Klavier mit dem Titel ,,Tabula rasa“ des estnischen Komponisten Arvo Pärt, ein Werk nicht gerade für jedermanns Ohren, haarsträubend schwer zu spielen, zu einem Furioso gesteigert. Edward Elgars gern gehörte „Enigma-Variationen“, opus 36, vom Orchester liebevoll dargeboten, gestaltete Seitzer zu einer Art Quiz; jede Variation ordnete er einer Persönlichkeit zu, die ihm in seinem Leben und Wirken wichtig war, dazu gehörte natürlich seine Frau. Aber auch sein bewährter Stellvertreter Achim Falkenhausen fand sich in einer Variation wieder.

lm zweiten Teil des Abends erklang ein Werk des mit Seitzer eng befreundeten Komponisten Wilfried Hiller: „Capella Sistina“, eine musikalische Darstellung berühmter Fresken für Sopran (Antonia Radneva), solistische Streicher im „Quartetto Lontano“ und Orchester. Hillers durchaus zeitgenössischer Stil erfordert höchsten Einsatz: ganze Schlagzeug-Batterien, virtuoses Spiel, größte Dirigierkunst.

Eine Umbaupause nahm der Hildesheimer lntendant Jörg Gade zum Anlass, Seitzer für sein Wirken am Theater zu würdigen. Er nannte ihn angesichts immerhinbewältigter Probleme den „Fels in der Brandung“, aber auch treffend einen „Don Quijote“.

Und dann erklang in riesiger Besetzung ein Gipfelwerk der Chorliteratur: Bruckners 1881 entstandenes „Tedeum“, das der Komponist selbst als „seinen Stolz“ bezeichnete. Es ist Musik, die überwältigt, ja, erschlägt. Der Opernchor, Kinder- und Jugendchor des TfN und der symphonische Chor, großartig von Falkenhausen einstudiert, steigerten die Chorsätze zu grandios strahlendem Glanz.

Danach folgte dann schier nicht enden wollender Beifall, folgten Bravo-Rufe für alle, aber vor allem für Werner Seitzer zum Abschied. Wie mag sich dieser Mann bei so viel Ehrerbietung, ja Liebe, in diesen bewegenden Augenblicken gefühlt haben?

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