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Ein einzelner Mensch - verloren im endlosen Raum

Von Michael Ranze

Der Film hat längst begonnen, doch die Leinwand ist immer noch schwarz, pechschwarz, eine Lichtquelle ist nicht auszumachen. Einzig das schwere Atmen eines Mannes, der – so muss man annehmen – langsam aufwacht, und ein gelegentliches dumpfes Rumpeln sind zu hören. Plötzlich ist der Mann hellwach. Panisch erkundet er seine Umgebung. Bis er erschreckt feststellt, dass er in einer Holzkiste, geringfügig größer als ein Sarg, gefangen ist. Das Klicken eines Feuerzeugs ist zu hören, mehrmals. Endlich spendet eine unruhige, gelbe Flamme ein wenig Licht. Nun gibt es keinen Zweifel mehr: Hier ist jemand bei lebendigem Leib begraben worden.

veröffentlicht am 03.11.2010 um 12:23 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 11:21 Uhr

kultur
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Von Michael Ranze

Der Film hat längst begonnen, doch die Leinwand ist immer noch schwarz, pechschwarz, eine Lichtquelle ist nicht auszumachen. Einzig das schwere Atmen eines Mannes, der – so muss man annehmen – langsam aufwacht, und ein gelegentliches dumpfes Rumpeln sind zu hören. Plötzlich ist der Mann hellwach. Panisch erkundet er seine Umgebung. Bis er erschreckt feststellt, dass er in einer Holzkiste, geringfügig größer als ein Sarg, gefangen ist. Das Klicken eines Feuerzeugs ist zu hören, mehrmals. Endlich spendet eine unruhige, gelbe Flamme ein wenig Licht. Nun gibt es keinen Zweifel mehr: Hier ist jemand bei lebendigem Leib begraben worden.
 Lebendig begraben zu sein – eine Urangst des Menschen. Sich bewegen zu können, aber keinen Raum zu haben, schreien zu können, aber nicht gehört zu werden, zu leben, aber unauffindbar zu sein – das ist die beklemmende Prämisse auch dieses Films, geschrieben von Chris Sparling, inszeniert von Rodrigo Cortés.
 Später wird der Zuschauer erfahren, dass der Begrabene Paul Conroy heißt und als Lastwagenfahrer für eine private US-Baufirma im Irak arbeitet. Conroy findet ein Handy mit fast leerem Akku, das zusätzlich Licht spendet. Doch wen ruft man an, wenn man irgendwo in einem fremden Land begraben ist, wie erklärt man glaubwürdig seine Situation? Conroy wählt erst den Notruf seiner Heimatstadt, dann das Pentagon, das Büro seines Arbeitgebers, schließlich seine Frau, die nicht zu Hause ist. Zwischendurch melden sich auch seine Entführer und stellen rigorose Forderungen. Einmal gerät er in eine Warteschleife – einer der wenigen Momente pechschwarzen Humors, der darum umso überraschender kommt. Doch der Sauerstoff im Sarg wird immer knapper.
 „Buried“ wird in den folgenden 90 Minuten seinen Schauplatz nicht verlassen. Cortés hält strikt die Einheit von Raum und Zeit ein. Die anderen Schauspieler des Films können somit ihrer Figur nur über die Stimmgestaltung Profil verleihen. Zweifel, Dummheit, Bestimmtheit, Wut, Trauer – all das ist aus den Gesprächen herauszuhören, man macht sich trotz mangelnder visueller Informationen ein Bild vom Partner am anderen Ende der Leitung. Die Hauptlast des Films trägt allerdings Hauptdarsteller Ryan Reynolds. Bewundernswert, wie er mit den vom Drehbuch auferlegten Zwängen und Einschränkungen das Interesse an seiner Figur wach hält und sogar das Gefühl von Action vermittelt. Reynolds hantiert mit dem Feuerzeug, versucht seinen Körper zu drehen und so das Ausmaß seiner Lage zu erkunden, spricht am Telefon, mal vernünftig und sachlich, dann wieder verzweifelt und verbittert. Die Kamera zeigt ihn dabei in extremen Nahaufnahmen, die Sequenzeinstellungen dauern mitunter mehrere Minuten. Der Zuschauer wird so förmlich hineingezogen in diese extreme Momentaufnahme und scheint das Leid der Hauptfigur buchstäblich zu teilen. Nur ein einziges Mal fährt die Kamera zurück, immer weiter, aus dem hölzernen Gefängnis heraus in eine undefinierbare Dunkelheit.



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