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Wie Arno Schmidt in Kastel Mondmetaphern und andere poetische Impressionen sammelte

Ein einsamer Heidjer in Bergeshöhen

So wie Kafka fest mit Prag, Storm mit Husum oder etwa Joyce mit Dublin verbunden ist, so fällt einem bei Arno Schmidt unweigerlich die Lüneburger Heide ein. Der einzelgängerische Wortakrobat fing die norddeutsche Landschaft mit der minutiösen Genauigkeit eines Topografen und der Expressivität eines Malers in einem atemberaubend neuen Prosastil ein und deklarierte sich zum „Heidedichter, allerdings etwas anderer Art“ als Hermann Löns.

veröffentlicht am 27.06.2009 um 17:03 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 01:21 Uhr

Die Landschaft fest im Blick: Der Schriftsteller Arno Schmidt au

Autor:

Guido Erol Öztanil
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Nun liegt ein überaus lesenswertes Buch von Josef Huerkamp vor, das sich einem für Schmidt wesensfremden Wohn- und Schreibort widmet: dem in bergiger Landschaft gelegenen Kastel im Kreis Trier-Saarburg, in das es den Schriftsteller 1951 als Umsiedler verschlagen hatte. Wesensfremd insofern, als Schmidt zeitlebens aus seiner Abneigung gegen „zahllos gewölbte Erde, Bodenbarock“ und „Bergländern“ keinen Hehl machte. Das kleine rheinland-pfälzische Dörfchen nun lag ausgerechnet auf einem Felsplateau hoch über der Saar.

Beengte Lebensumstände

In den hier entstandenen Werken scheint sich Schmidt konsequent in die ersehnte Landschaft zu flüchten: Nahezu alle Texte sind in der Heide angesiedelt, nach Huerkamp Ausdruck eines Fernwehs. Und doch hat Kastel literarische Spuren hinterlassen. Schmidts beengte Lebensumstände – er wohnte mit seiner Frau, mehreren Katzen und einem Raben in nur zwei Zimmern eines Bauernhauses –, die Wirtsleute, der ortsansässige Lebensmittelhändler, Haushaltsgeräte wie der Fleischwolf „Marke Jupiter“ oder die jüngst erworbene „Kayser Schwing-schiff“-Nähmaschine, auch Ereignisse wie das Übersetzen mit der Fähre über die Saar und Geräusche wie das Dreschen des Getreides sind in Romane und Erzählungen aus dieser Zeit eingegangen. Bis in feinste Details wird die Bedeutung der Kasteler Kulisse für Schmidts Romanwelt aufgezeigt, zugleich seine vier Jahre währende „rheinländische“ Vita anschaulich nachvollzogen. Huerkamp greift auf akribische Recherchen vor Ort, Interviews mit Zeitzeugen, Briefe und das Tagebuch Alice Schmidts zurück, und so entstand eine dichte und informative Werk-Biografie. Karten, Pläne und viele Fotografien, darunter etliche aus dem Nachlass des Schriftstellers, komplettieren das mit Verve und Empathie geschriebene Buch.

Schmidt hat sich von der scheinbar ungeliebten Landschaft doch beeindrucken lassen; aber auch er selbst hat Eindrücke hinterlassen: „Was sich als nachhaltige Störung dem Gedächtnis des Wirtsehepaars „eingebrannt hatte, war Arno Schmidts Gewohnheit, im Mondschein auf dem betonierten Gartenweg zwischen Haustür und Gartenpforte auf und ab zu gehen. Die zahlreichen Mondmetaphern der in Kastel verfassten Romane legen beredtes Zeugnis von den Früchten solcher Nachtwandelei ab“.

Josef Huerkamp: Der Landschafter auf der Höhe. Arno Schmidt in Kastel 1951-1955, 266 S., 45 Euro, Neisse Verlag.

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