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Melancholischer Streifzug mit „Aller Tage Abend“ im TAB

„Ein Brei aus Zeit“

HAMELN. Eine zutiefst traurige, deprimierende Geschichte – voll wundersamer Poesie. Ein melancholischer Streifzug durch ein Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und dramatischen Verwerfungen. Nadeshda Mandelstam nannte es „Jahrhundert der Wölfe“. Bei Jenny Erpenbeck heißt es „Aller Tage Abend“ – ein Titel, den es schon einmal gab.

veröffentlicht am 31.01.2017 um 18:19 Uhr

Miran Zrimsek (li.), Franziska Mencz und Michael Rettig inszenierten das Buch als musikalische Lesung im TAB. Foto: pr
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Autor

Richard Peter Reporter
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Fritz Kortner, der große alte Schauspieler und Regisseur hatte seiner Autobiografie schon 1959 diesen Titel gegeben. Dabei hätte es, wie es bei Erpenbeck heißt, gar nicht dazu kommen müssen, wäre die Haut des toten Kindes mit Schnee wieder warm geworden. Erpenbecks Reise durch ein Jahrhundert beginnt in Galizien, das schon ein Joseph Roth so melancholisch mit seinem unglücklichen Eichmeister Eibenschütz in „Das falsche Gewicht“ beschrieben hat. Bitterste Armut – und immer wieder: Pogrome. Steine fliegen, Fenster gehen zu Bruch, eine Axt zerhackt Türen – zuletzt: „Eine jüdische Witwe, die den Tod in Händen hält“. Ihren eigenen Mann. 1908 zieht die Rest-Famile nach Wien.

Eine musikalische Lesung – Franziska Mencz liest. Erzählt eine Geschichte. Unaufgeregt – nur in den Dialogen ein anderer Ton. Tempowechsel. Spiel – auch mit der Stimme. Als Sonate eingebaut, fünfsätzig mit Michael Rettig am Klavier und Miran Zrimsek am Cello. Eigenkomposition. Auch hier: Wehmut – nur selten kleine, dramatische Akzente. Zwei Instrumente mit Eigenleben, solistisch, jedes für sich – dann Zusammenspiel, Zusammenklang. Dialog der Töne.

Wien als eine „verwilderte Stadt“ beschrieben und nächtliches Anstehen für Kuheuter – und längst hätte sie sich verkaufen können, die junge Frau. Stattdessen „Krieg führen müsste man gegen den Krieg“ – es sind immer wieder diese Sätze, die einen überraschend treffen. Auch: „Sich unabhängig vom Hunger“ zu machen. Dann stirbt die beste Freundin an der „Spanischen Grippe“ und sie liegt neben deren Freund im Bett – und nichts passiert, obwohl sie spürt, „dass sie seinen Atem einatmen kann“.

Jenny Erpenbeck, Autorin von „Aller Tage Abend“. Foto: dpa

Musikalisch, sozusagen der zweite Satz, mit wechselnden Akzenten, treibend. Dann Moskau. Verhaftung ihres Mannes. Und die Erkenntnis, wie man durch Verrat sein Leben erkaufen kann. „Schlaf, mein Kindlein, schlaf“ singt sie gebrochen um tagsüber den Boden auszuheben. „Gräber auf Vorrat“, wie es heißt und so anders poetisch: „Wohnung für den ewigen Winter“. Ein Intermezzo voll bitterer Ironie – und Akten, Dossiers links und seltener rechts gestapelt. Und wieder diese so seltsam schöne – auch kraftvolle Musik, die einen so anders berührt.

Im 4. Buch heißt es sibyllinisch: „Sie weiß im Fallen, dass sie fällt“ – und dezent gekalauert: „Ein gefallenes Mädchen“. Und Tragödie oder Farce, wenn man „aus dem Leben hinaussteigt“. Es sind immer diese Sätze, die einen so seltsam berühren. Dann erlebte Geschichte – Herbst 1989 und „die Mauer niedergemacht. Freudentaumel“ und: „Ein Staat übergibt sich“ – und „der Osten nur noch eine Himmelsrichtung“.

„Wir werden alle einmal alt“ und Frau Hoffmanns 90. Geburtstag. Altenheim – ein getaktetes Trauerspiel – und: „Ein Brei aus Zeit“. Angst, unendliche Angst. Letzter Sonatensatz, in den sich Worte mischen. „Ich weiß nicht, was ich machen soll“. „Ich weiß nicht, was ich weiß“. Dann der Tod – und einer, der „so weint, wie er noch nie geweint hat“.



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