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Jubril Sulaimons „Call Shop“ zeichnet im Theater ein differenziertes Bild der Asylproblematik

Ein Baum allein kann kein Wald werden

Hameln. Nach Hause telefonieren. Für Lamidi, den afrikanischen Studenten, ist das Telefon die Nabelschnur zu seiner Familie und Kultur. Verzweifelt hackt er auf die Telefontastaturen in den grell beleuchteten Kabinen des „Call Shops“ ein. Lamidi steht unter enormem Druck, soll aus dem Paradies Europa Geld nach Hause schicken, um die Not seiner Angehörigen zu lindern. Doch dem Hoffnungsträger steht das Wasser selber bis zum Hals. Ohne Pass droht ihm die Abschiebung.

veröffentlicht am 24.03.2015 um 16:33 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 08:41 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Jubril Sulaimon, der Autor des Stückes, spielt die Hauptrolle, bringt den ständig steigenden Druck sehr glaubhaft über die Rampe. Sein Dilemma wird den Zuschauern im etwa halb besetzten Großen Haus des Hamelner Theaters schnell klar: hier die Verantwortung für seine Familie, die ihn im Gelobten Land wähnt, dort die harte Realität eines um die Bewältigung seines Alltags ringenden, auch selber von Vorurteilen nicht freien Farbigen.

Soviel hat er gelernt: Europa ist nicht das Paradies, nicht das Gelobte Land, als das es in der Wahrnehmung der Notleidenden in aller Welt erscheint. Das aber kann Lamidi seinen Familienmitgliedern daheim nicht vermitteln.

Die „Call Shop“-Aufsicht Damika (Julia Gutjahr) macht ihm klar, dass es nur einen Ausweg gibt. Auflegen und nicht mehr anrufen. Die junge Frau hat ein ähnliches Schicksal hinter sich. Sie hat, um ihrer Familie in Tschechien zu helfen, sich und ihren Körper verkauft, dann aber den Kontakt abgebrochen. „Ein Baum alleine kann kein Wald werden“, sagt sie – doch Lamidi findet nicht die Kraft, loszulassen, ergreift am Ende die Flucht. Vielleicht vor der Polizei, mehr noch vor sich selber.

Die Inszenierung von Christian Scholze vom Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel zeigt einen Mann in einer scheinbar ausweglosen Situation und eine ihre Schuld nur einmal laut hinausschreiende Frau voll stiller Verzweiflung. Zwei Menschen, die im vermeintlichen Paradies, das für sie zur äußeren und inneren Hölle geworden ist, gescheitert sind.

Scholzes Inszenierung setzt dabei durchaus bemerkenswerte Akzente. Da putzt Damika fortwährend den vermeintlichen Schmutz von den Glasscheiben der Telefonkabinen wie die Schuld von ihrer Seele und lässt ihr brummendes Handy im Hintergrund unbeantwortet. Videoprojektionen aus dem afrikanischen Dorfleben werden für Lamidi zu bedrohlichen Albträumen, Telefonkabel zu würgenden Schlingen. Ein Sturm von Formularen fegt über die Bühne, auf der am Ende alles durcheinandergewirbelt liegen bleibt.

Sulaimons Stück, entstanden im Rahmen des Autoren-Wettbewerbs „In Zukunft“, akzentuiert hierzulande bislang wenig beachtete Aspekte des Themas. Dass dabei die Wahrnehmung der europäischen Wohlstandsgesellschaften ein weltweites Zerrbild ist, ist nicht neu, und auch der Konflikt der Hauptpersonen um Verantwortung und Schuldigwerden findet in literarischen Vorlagen aus dem Themenkreis „American Dreams – American Nightmares“ mancherlei Entsprechungen. Die Chance, hier tiefer zu graben, wird leider vertan. Selbstzerstörerische, letztlich vergebliche, weil ausweglose Übernahme von Verantwortung oder lebenslange Schuld? Mit dieser Frage bleibt der Zuschauer am Ende alleine.

Verzweifelt im und am vermeintlich Gelobten Land: der afrikanische Student Lamidi (Jubril Sulaimon) in dem Drama „Call Shop“. Volker Beushausen



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