weather-image
Seitzers gelungener Abschied von seinen Hamelner Freunden

Doktor Faust im musikalischen Portrait

HAMELN. „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“ – Wilhelm Buschs Bonmot passt hautnah zur Programmänderung des fünften Dewezet-Classics dieser Saison. Denn wer als Abonnent neben Liszts Faust-Sinfonie erwartungsfroh auch das im Programmheft angekündigte „Don Juan“– Portrait von Richard Strauss gebucht hatte, bekam stattdessen am Dienstagabend Smetanas gerade mal vier Minuten dauernde Ouverture zu einem Puppenspiel über Doktor Faust und anschließend Robert Schumanns Violinkonzert zu hören.

veröffentlicht am 05.04.2017 um 15:52 Uhr

Albrecht Menzeline an der Violine brillierte als Solist zusammen mit der Philharmonie des Theaters für Niedersachsen aus Hildesheim. Foto: wfx
Avatar2

Autor

Karla Langehein Reporterin

Damit gab Werner Seitzer die in jeder Hinsicht reizvolle Gegenüberstellung zweier prominenter Verführer auf, wobei vor allem der instrumentale Glanz der Strauss-Komposition ihm den verdient deutlich beifallsreicheren Abschied von seinen Hamelner Freunden garantiert hätte.

Natürlich ist auch die Faust-Sinfonie von Franz Liszt ein Musterbeispiel für in des Wortes Sinn große, um nicht zu sagen größtmögliche Orchesterbesetzung, zu der am Schluss ja auch noch ein Männerchor und eine Orgel bemüht werden. Auch liest sich die thematische Charakterisierung der drei Hauptdarsteller mit ihren kunstvollen Variationen und Verschlingungen wie ein musikalisches Bilderbuch. Dennoch: Das nahezu siebzig Minuten dauernde Stück hat ermüdende Längen, die selbst eine von Werner Seitzer so emphatisch gestaltete und von der TfN Philharmonie so präsent realisierte Aufführung nicht verdecken kann.

Ähnlich schwierig gestaltet sich üblicherweise auch die Wiedergabe von Robert Schumanns Violinkonzert, dessen Widmungsträger Joseph Joachim es selbst niemals aufführte, weil er zunächst die Solostimme für problematisch und später das gesamte Stück für schwach hielt. Tatsächlich war Schumann 1853 bereits schwer von der Krankheit gezeichnet und die Einweisung in die Nervenheilanstalt Endenich nur ein Jahr später unvermeidlich.

270_0900_39468_ku_Konzert_Werner_Seitzer_wfx_0604.jpg

Seit 1937, dem Jahr seiner Uraufführung durch Georg Kulenkampf, wurde das Konzert von nahezu allen großen Geigern gespielt und die virtuose Solostimme zur Verbesserung ihrer Spielbarkeit mehrfach bearbeitet – dem Werk selbst hat dieses Bemühen letztlich nicht aus der Abstellkammer des Konzertbetriebs herausgeholfen.

Nun stand es zum ersten Mal in Hameln auf dem Programm – und mit ihm vermutlich zum ersten, aber gleichzeitig auch letzten Mal sein Interpret Albrecht Menzel. Der junge Mann (25) ist als Gewinner großer Wettbewerbe längst auf internationaler Ebene tätig und steht im Anfangsbereich einer großen Karriere. Dafür spricht unter anderem, dass es ihm gelingt, der durch permanente Wiederholungen werkimmanenten Spannungslosigkeit und formalen Undurchsichtigkeit der Komposition mit entschiedenen Abgrenzungen des Ausdrucks zu begegnen und abzuschwächen. Hinzu kommen der bestechend schöne Ton und die makellose Intonation seines Spiels. Auch wenn sich Menzel in der Polonaise mehrfach von dem in der Partitur vorgegebenen ruhigen Tempo (und damit auch von Seitzer) zu emanzipieren versuchte, war insgesamt eine überragende Interpretation zu erleben, an die sich das für manche Hörer größte Erlebnis dieses Konzerts anschloss: die Zugabe. Ein Satz aus einer Solo-Partita von Johann Sebastian Bach. Traumhaft.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare