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Eine Ausstellung im Landesmuseum zeigt, wie Deutschland zum Einwanderungsland wurde

Döner, Zündapp, Ramadan

HANNOVER. Es ist wohl das größte Ausstellungsstück, das es jemals im Landesmuseum gab. Und doch wirkt das acht Meter lange Holzboot klein, wenn man sich vorstellt, dass 80 Menschen darauf zusammengepfercht waren, als die maltesische Marine es aufgriff. Flüchtlinge auf dem Weg von Libyen nach Europa.

veröffentlicht am 07.04.2017 um 16:15 Uhr

Das Landesmuseum wirbt für die Ausstellung mit dem bunten Bild eines Dönerladens. Foto: Haus der Geschichte/Jan Paul/ Landesmuseum

Autor:

Simon Benne

Neben dem Boot hängen Zeichnungen von Flüchtlingskindern: „Ich hatte Angst zu ertrinken“, sagt der zehnjährige Abdullah aus Syrien. Das Bild, das er gemalt hat, ist fast komplett blau. Nur in der Mitte des Meeres treibt ein winziges Boot, umzingelt von Haien.

Die Ausstellung „Immer bunter! Einwanderungsland Deutschland“, beworben auch auf Türkisch und Arabisch mit dem schrillen Foto eines Dönerladens, zeichnet im Landesmuseum die Geschichte der Migration in der Bundesrepublik nach. Millionen Menschen kamen seit dem ersten Anwerbeabkommen für Gastarbeiter mit Italien 1955 ins Land; etwa jeder Fünfte in Deutschland hat heute Wurzeln im Ausland.

Die Ausstellung, konzipiert vom Bonner Haus der Geschichte prunkt mit 800 Exponaten – darunter eine „Ikone der Migrationsgeschichte“, wie Kurator Ulrich Op de Hipt sagt: jene Zündapp Combinette, die Armando Rodrigues de Sà 1964 als millionster Gastarbeiter geschenkt bekam. Die Museumsleute haben das Moped nach langer Suche in einem Stall in Portugal aufgespürt: „Es steht für eine gewisse Willkommenskultur.“

Museumsdirektorin Katja Lembke mit einem Boot, in dem sich 80 Flüchtlinge auf das Mittelmeer wagten. Foto: Tim Schaarschmidt
  • Museumsdirektorin Katja Lembke mit einem Boot, in dem sich 80 Flüchtlinge auf das Mittelmeer wagten. Foto: Tim Schaarschmidt

Bei Eignungstests mussten Gastarbeiter damals auf Zeit Stahlstifte in Lochbleche stecken. Gesucht wurden ja keine Professoren für Philosophie, sondern Leute für einfache Arbeiten. Hochbetten und Spinde aus einem Wohnheim sind im Museum nachgebaut. Die billigen Arbeitskräfte ermöglichten vielen Deutschen den Aufstieg in qualifiziertere Jobs. Und weil sie den Arbeitsmarkt entlasteten, hatten sie ihren Anteil an der Einführung der Fünf-Tage-Woche.

Es geht um Identität und Integration in der Ausstellung, um Ressentiments und Solidarität, Parallelgesellschaften und Leitkultur. „Gettos in Deutschland – eine Million Türken“ titelte der „Spiegel“ 1973 besorgt. Paradoxerweise wuchs nach dem Anwerbestopp, der in jenem Jahr erging, die Zahl der Ausländer: Jene Gastarbeiter, die einmal im Land waren, blieben und holten ihre Familien nach. Migration wurde dabei immer flaniert von Argwohn: „Asylmißbrauch beenden!“ hieß es 1991 auf einem CDU-Wahlplakat. Und die vietnamesischen Vertragsarbeiter, die in der DDR Jeans nähten, wurden kritisch von der Stasi beäugt. Neben einem „Kein Mensch ist illegal“-T-Shirt zeigt das Museum Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“. Migranten erzählen an Hörstationen ihre Geschichten. Die Ausstellung spart auch Kopftuchdebatten und das aggressive Auftreten junger Migranten an der Berliner Rütli-Schule nicht aus. Doch sie zeigt, dass Zusammenleben gelingen kann. In Anlehnung an Adventskalender hat eine muslimische Familie einen „Ramadan-Kalender“ für Kinder gebastelt – mit 30 Säckchen für Süßigkeiten.

Deutschland ist schon lange Einwanderungsland, und das ist auch gut so – das ist die Mission der Ausstellung. Doch die Schau ist so anschaulich, dass man die Belehrung nicht als solche empfindet.

„Immer bunter! Einwanderungsland Deutschland“: Bis 27. August im Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee 5. Infos: 0511/9807686.

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