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In diesem Jahr würde John Cage seinen 100. Geburtstag feiern – dazu gibt es viele Konzerte

Dirigenten gab er die Stoppuhr in die Hand

Essen/Berlin. Seine Partituren sehen aus wie Grafik-Kunstwerke, die Töne seiner Kompositionen würfelte er gerne aus. Der US-Komponist John Cage (1912 bis 1992) gilt als revolutionärer Erneuerer der Musik im 20. Jahrhundert. So revolutionär, dass er in Deutschland jahrzehntelang von Kollegen als Scharlatan geächtet wurde. Heute ist er in der Szene unangefochten. Zu seinem 100. Geburtstag am 5. September gibt es weltweit Sonderveranstaltungen.

veröffentlicht am 06.03.2012 um 17:02 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 14:41 Uhr

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Autor:

Rolf Schraa
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Die Berliner Festspiele stellen beim „Maerz Musik“-Festival das Werk des Amerikaners und seine Folgen in den Mittelpunkt. Musik von Cage gibt es beim Klavierfestival Ruhr in Essen, und die Bochumer Ruhrtriennale startet im August mit Cages Opern-Collage „Europeras 1 & 2“. Zehn Sänger, je fünf Frauen und Männer, aus zehn europäischen Ländern singen – teils gleichzeitig – Arien-Bruchstücke aus dem traditionellen Repertoire. Wie lange die sich überlagernden Stücke dauern, bestimmt ein Zufallsgenerator.

John Cage war der Sohn eines Erfinders. Seit der vierten Klasse bekam er Klavierunterricht. Erst wollte er Priester werden, dann studierte er Musik und Architektur. Mitte der 30er Jahre wurde er Schüler von Arnold Schönberg, einem der Begründer der Zwölftontechnik. Cage lehrte nach dem Studium an verschiedenen US-Hochschulen und schrieb Musik für die Tanztruppe des Avantgarde-Choreografen Merce Cunningham, seines späteren Lebenspartners.

Cage liebte Experimente. Als er 1940 eine rhythmische Begleitmusik für das Tanzstück „Bacchanale“ komponieren wollte, im Theater aber kein Platz für Schlaginstrumente war, präparierte er den kleinen Flügel vor der Bühne mit Alltagsgegenständen auf den Saiten. Schrauben, Plastikstücke und Radiergummis ließen das Klavier bollern, scheppern und zirpen, die Töne und Harmonien traten zurück. In einem Präparationsplan legte Cage fest, welches Material auf welche Saite zu legen war. Ein neuer Klavierton war geboren.

Fernöstliche Musik und Philosophie haben Cage früh interessiert. Nach der Trennung von seiner Frau befasste er sich mit dem Zen-Buddhismus und setzte die Zen-Philosophie in die Musik um: Um aus dem Ich, dem Subjektiven, herauszutreten, machte er den Zufall zum Kompositeur.

Die Notation der Cage-Werke ohne Takte und in freien Systemen zwang den Musiker stärker als bisher zum Schöpfen. „Cage gibt einem das Schachspiel, die Partie muss man schon selbst spielen“, sagt der Pianist Bernhard Wambach von der Essener Folkwang Universität der Künste. Das verändert auch die Rolle des Dirigenten: Er bestimmt nicht mehr den Gesamtklang, dafür muss er die Stoppuhr für Anfang und Ende der Ereignisse im Blick behalten.

Legendäre Tat am 25. Juni 1949: Vor einem Auftritt in Paris platziert John Cage zur Klangveränderung Münzen, Nägel und Schrauben zwischen den Saiten eines Flügels. Foto: dpa



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