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Am 1. September tritt Christian Thielemann sein Amt als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden an

Dirigent Thielemann: „Die Musik fließt von selbst“

Dresden. Die Musik fließt von selbst – davon ist der Dirigent Christian Thielemann überzeugt. „Es wird heute vieles zerredet, anstatt es einfach zu tun“, sagte er im Gespräch mit dpa. Nicht wenige Künstler misstrauten der Inspiration, die aus dem Moment erwächst. Beispielsweise bäten ihn Solisten, wichtige Stellen am Klavier noch einmal durchzugehen. „Bevor wir überhaupt etwas angespielt haben, heißt es: Das Tempo aber bitte so und so. Dann sage ich mir: Mensch, sing doch überhaupt erst mal! Ich bin ein Dirigent, der mitgehen kann!“

veröffentlicht am 19.08.2012 um 13:45 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 00:21 Uhr

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Autor:

Martin Morgenstern
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Vor Jahren habe er aus dem Orchester der New Yorker Metropolitan Opera einen Satz gehört: „Don’t talk about it. Just do it.“: „So ist es: Nicht drüber reden. Einfach machen. So ergibt sich das meiste von selbst“, betonte der 53-Jährige, der am 1. September sein Amt als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden antritt. Theoretisches Wissen sei wichtig, aber kein Allheilmittel. Der Musikwissenschaft seien Grenzen gesetzt. Thielemann verglich das mit einer Weinverkostung. „Das finde ich bei Weintestern immer so lustig:

Die Note von Vanille und das und das ... ich sage: Komm, Glas her, ich will das jetzt trinken.“ Leider werde in der „Quasselgesellschaft“ vieles zerredet und zerfleddert.

Thielemann äußerte sich auch zu Richard Wagner, dessen Musik wegen seiner antisemitischen Schriften bis heute in Israel nicht öffentlich aufgeführt wird. Er plädierte dafür, Musik und Schriften zu trennen. „E-Dur ist so wenig politisch wie Es-Dur.“ Thielemann verwies auf Franz Liszt, dessen „Les Préludes“ die Nazis für eine Siegesfanfare verwendeten. „Ich habe mich aufgemacht, dieses grandiose Werk wiederzuentdecken. Wir dürfen den Sieg nicht dem Negativen überlassen. Gerade wir sind aufgerufen, diese Dinge zu spielen.“

Es gebe in Deutschland noch etwas anderes als die zwölf Jahre NS-Zeit, argumentierte Thielemann. „Das ist unsere Generation. Wir sind die Geläuterten, die Wissenden.“ Man könne weder eine Tonart noch einen Menschen für eine spätere Vereinnahmung verantwortlich machen. Die Diskussion um Wagners Antisemitismus führe zu keinem Ergebnis; das Werk sollte vom Künstler unabhängig wahrgenommen werden. „Ich verehre Wagner über die Maßen. Aber ich verehre seine Kunst.“



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