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Giuseppe Verdis letzte Oper „Falstaff“ in einer herrlich komödiantischen Inszenierung in der Staatsoper Hannover

Dieser liebenswerte Gauner bejaht das Chaos des Lebens

Hannover. Unter allen Schurken, die unsere Bühnen bevölkern, ist er der liebenswerteste. Verfressen, versoffen, verhurt und immer auf der Suche nach Geldquellen – ein Gauner, der einem ans Herz wächst: Sir John Falstaff – auch wenn er von Shakespeares „Lustigen Weibern von Windsor“ als Weinschlauch, Fass, König der Bäuche oder Fettwanst beschimpft wird. Lasst sie plappern, denn „alles auf Erden ist Spaß“, wie es heißt – und: „Der Mann ist ein geborener Narr.“ Schließlich haben sich gleich drei Kerle zu Narren gemacht – und machen lassen. Mit Falstaff auch Mr. Ford und Dr. Cajus. Verdis genial-junger Schwanengesang ist eine heitere Komödie voll Ironie und Witz. So ganz anders als bei Wagner, der sich zehn Jahre davor mit religiöser Mystik verabschiedet hatte.

veröffentlicht am 31.01.2011 um 14:29 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 03:41 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Was dem „Bauern von Roncole“, wie sich Verdi selbst nannte, niemand zugetraut hätte, geriet zu einem unsterblichen Meisterwerk, in dem völlig neue Töne angeschlagen werden. Ein Parlando-Stil, der das Orchester gleichberechtigt neben dem Bühnengeschehen agieren lässt. Keine Begleitmusik, Untermalung – im „Falstaff“ spielt das Orchester mit, als stände es auf den Brettern. Dennoch, bei aller Bewunderung für das so heitere Alterswerk: Verdis „Falstaff“ ist nie populär geworden. Vermutlich, weil man nicht mitsingen kann. Und Komödie sowieso nicht ernst genommen wird.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Falstaff-Vorgänger – als die Bühne der Staatsoper erneuert wurde – im Theater am Aegi stattfand, eine eher konservative Inszenierung mit einer bezaubernden Alice Ford, die dreimal so viel Gewicht auf die Bühne brachte wie Nicole Chevalier, die Alice der Premiere am Samstag. Gertenschlank wie alle anderen und nur Falstaff und der Wirt mit Kugelbauch. Und alles anders – schon das Bühnenbild: ein Guckkasten, fugenlos mit grellbunten Graffiti ausgemalt, in die sich Manga-Mädchen mischen. Zeitlose Kostüme. Der Rahmen passt für viele Schauplätze, nur zum Schluss öffnet sich die Rückwand wie von Geisterhand, schieben sich ein gewaltiger Mond in den Sternenhimmel und eine Caspar-David-Friedrich-Eiche, wie sie romantischer nicht zitiert werden könnte.

Alles ist Spiel, herrlichste Musik und wunderschöne Stimmen. Vor allem Stefan Adam als Sir John Falstaff, der seinen flexiblen Bariton spielerisch einsetzt, lautmalt. Ein einziges Vergnügen das Damen-Quartett – vor allem im zweiten Bild, wenn sich vier Männer dazugesellen – und um einen Fenton (Philipp Heo) ergänzt, der nur auf seine Nannetta (Anja Vegry) wartet. Ein bezauberndes Paar. Dazu Elzbieta Ardam als Mrs. Quickly mit ihrem grandiosen „Reverenza“, wenn sie den Rock wie einen Fächer ausbreitet – und blendend besetzt auch die Meg Page mit Mareike Morr. Bei den Männern glänzt Martin Berner als Ford.

Verdis „Falstaff“ ist – bei allen, wenn auch kleinteiligen Soli – in erster Linie ein Ensemble-Stück und von Olivier Tambosi als Ensemble inszeniert, als herrlich bunte, leichte Komödie. Mit unendlicher Spiellaune auch das Staatsorchester unter Ivan Repusic. Ein zündend gelungener „Falstaff“ – und die vereinzelten Buh-Rufe beim Applaus gnadenlos mit Bravos zugedeckt.

Die weiteren Termine an der Staatsoper Hannover: am 2., 5. und 9. Februar sowie am 4., 26. und 31. März jeweils um 19.30 Uhr.

Die Generation Spaß aus dem 19. Jahrhundert: Stefan Adam als Falstaff. Foto: Thomas M. Jauk



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