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Marie Marcks, die Grand Dame der Karikatur, ist im Alter von 92 Jahren gestorben

Die Zeichnerin der Geistesblitze

Hannover/Heidelberg. Hellwach war sie. Das konnte noch erleben, wer ihr im Mai dieses Jahres begegnet ist. Da war Marie Marcks eigens nach Hannover gereist, um ihren Vorlass dem Wilhelm-Busch-Museum zu übergeben. Hellwach hat dessen Direktorin Gisela Vetter-Liebenow die Künstlerin auch kürzlich noch erlebt, als sie nach Heidelberg gereist ist, um mit der 92-Jährigen die für 2015 geplante Marie-Marcks-Ausstellung des Museums vorzubereiten.

veröffentlicht am 08.12.2014 um 17:55 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 14:41 Uhr

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Autor:

Daniel Alexander Schacht
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Doch wer ein so hohes Alter erreicht hat, kann auch an Kleinigkeiten scheitern: Marie Marcks ist am Sonnabend daheim in Heidelberg gestürzt, schon am Sonntag erfuhren Freunde und Bekannte vom Tode dieser Grande Dame der Zeichenkunst und Pionierin feministischer Karikatur in Deutschland.

Hellwach musste Marie Marcks zeitlebens sein. Sonst hätte sie wohl kaum das Feld der politischen Karikatur für sich erobern können. „Zeichnung und Karikatur, das sind bis heute Männerdomänen“, sagt Museumschefin Vetter-Liebenow. Marie Marcks war denn auch lange Zeit die einzige Frau, die regelmäßig tagespolitische Karikaturen veröffentlicht hat.

„Frau und Politik – das war der Männergesellschaft der Ära Adenauer nicht geheuer“, sagte Marie Marcks im Mai dazu. Und hatte dabei ein Lächeln im Gesicht, aber auch ein fast kämpferisches Funkeln in den Augen, passend zu ihrem Rat für den zeichnerischen Nachwuchs: „Hartnäckig bleiben!“

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Nie verlegen um Tipps für das schwache Geschlecht („Roll doch das Ding, Blödmann“, 1994, li.) – und mit selbstironischem Blick auf die eigene Lebensgeschichte („Marie, es brennt!“, 1984, oben re.): Marie Marcks bei ihrem letzten Besuch in Hannover. Wilhelm-Busch-Museum/Surrey

Genau so, hartnäckig eben, hat sie über die Jahrzehnte ihrer Tätigkeit kein politisches Thema ausgespart. Sie hat sich schon in den fünfziger Jahren, lange, bevor es eine Ökologiebewegung gab, kritisch mit Atomkraft und Umweltfragen beschäftigt. Sie hat sich mit alten Nazis und neuer Fremdenfeindlichkeit auseinandergesetzt. Und sie hat die ihr nahestehenden sozialen Bewegungen mit Ironie und Spott betrachtet. Das gilt nicht zuletzt für das Verhältnis von Mann und Frau. Lange vor anderen hat sich die Frau, die fünf Kinder von drei Vätern hat, da über Rollenspiele lustig gemacht und Geschlechterzuweisungen karikiert. Etwa indem sie eine Geburtsszene mit Sprechblasen ausstattet, die patriarchalischem Denken den Spiegel vorhalten. „Tut mir echt leid“, heißt es da, „aber es ist nur ein Junge!“ Als „Feministin der ersten Stunde“ hat die frühere Bundesverfassungsrichterin Jutta Limbach sie einmal bezeichnet.

Ob politisch, gesellschaftlich oder historisch: Marie Marcks hatte immer wieder Geistesblitze für gute Zeichnungen und stets genug Courage, um auf Konfrontationskurs zu gehen, sie hat als Karikaturistin sozusagen stets gegen den Strich gezeichnet.

Kein Wunder, dass das Wilhelm-Busch-Museum stolz ist, das mehr als 2000 Arbeiten umfassende Werk von Marie Marcks überantwortet bekommen zu haben. Dass Marie Marcks ihren Vorlass, gemeinsam finanziert von der Kulturstiftung der Länder, der Stiftung Niedersachsen und der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, gerade diesem Haus überlässt, gilt als besonderer Vertrauensbeweis. Die Entscheidung soll auch davon beeinflusst gewesen sein, dass das Museum auch den Nachlass des 2005 verstorbenen Karikaturisten Friedrich Karl Waechter sowie das Gesamtwerk des 2011 verstorbenen britischen Zeichners Ronald Searle pflegt.

Wichtige Akzente für die im Juni geplante große Marie-Marcks-Ausstellung des Wilhelm-Busch-Museums konnte die Künstlerin noch gemeinsam mit Gisela Vetter-Liebenow zusammen setzen. „Sie wusste auch, dass ein großer Katalog entstehen wird.“ Zu den spannendsten Exponaten für Verehrer von Marie Marcks dürfte dabei das Buch „Marie, es brennt“ gehören. Das ist der erste Teil ihrer gezeichneten Autobiografie. Die reicht vom Zeichenunterricht in der Kunstschule der Mutter über die Bombenkriegsnächte in Berlin bis zu den Demos, Sit-Ins, Kinderladen- und Frauenpower-Szenarien des bewegten Jahres 1968.

„Dieses Werk war ihr Heiligstes, ihr größter und wichtigster Schatz, den sie mir bei unserer letzten Begegnung mitgegeben hat“, sagt Vetter-Liebenow über „Marie, es brennt“. „Dass das Original dieses Buches jetzt ins Wilhelm-Busch-Museum gelangt ist, empfinde ich als besondere Ehre für unser Haus und die Arbeit, die darin geleistet wird.“



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