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Im Berliner Atelier von Olaf Holzapfel, der im Sommer bei „Made in Germany Zwei“ ausstellen wird

Die Sprache des Fachwerks spricht er fließend

Berlin/Hannover. Seit acht Jahren hat der aus Sachsen kommende Bildhauer mit Malereiausbildung seine Berliner Atelierräume am Flutgraben, an der Grenze von Kreuzberg und Treptow. Das rote Backsteingebäude zwischen Saunaschiff und der Disco „Club der Visionäre“ liegt im einstigen Grenzstreifen von Ost- und Westberlin. Zu Loveparade-Zeiten wurde in den Bretterbuden am Wasser wild gefeiert. Im Hof der früheren Werksanlage der Berliner Verkehrsbetriebe scheinen Autos vom Rasen überwuchert zu sein. Tatsächlich sind sie verpackt in grüne Kunstrasenhüllen. Es ist Dekoration für eine ziemlich improvisiert aussehende Bar.

veröffentlicht am 06.03.2012 um 17:02 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 14:41 Uhr

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Autor:

Johanna Blasi
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Olaf Holzapfel holt seine Besucher am Treppenabsatz ab. Er deutet auf Eisenverschläge. Weil es am Grenzstreifen gelegen habe, sei das Gebäude verplombt worden. Nach der Wende hätten die Verkehrsbetriebe vergessen, es zurückzufordern. So sei es für wenig Geld an Künstler gefallen, sagt Holzapfel mit feinem Lächeln.

Durch eine hohe Fensterfront dringen Möwenschreie, es duftet nach Heu von großen Heuskulpturen und nach Mate-Tee, den der Künstler zubereitet. Der 1969 in Görlitz geborene Raumkünstler trägt ein violettfarbenes Seidenhemd aus Indien und blickt melancholisch aus wasserblauen Augen. Er hat in Dresden Malerei studiert, sich dann aber auf Untersuchungen im urbanen Raum und zunehmend auch im Landschaftsraum verlegt.

Eine transparente quallenartige Schöpfung zieht in dem mit Werkmaterialien und Büchern übervollen Raum den Blick an. Das sei eine „Raumfaltung“ aus bei hoher Hitze verformtem Acrylglas, erklärt Holzapfel, der sich ein leichtes Sächseln bewahrt hat. Mit „weich formulierten Räumen“ seien wir in der Computerwelt konfrontiert. Eine andere Art von Raumverfassung begegnet bei einem verstrebten, fachwerkartigen Holzgerippe. Holzapfel streicht mit den Fingern über das Modell. Bei „Made in Germany“, der hannoverschen Kunstschau, werde man dem Werk im Sprengel Museum in den Maßen 5,20 Meter Höhe und 4,30 Meter Breite begegnen.

Bei der Größe der Skulpturen achtet der Künstler auf „Differenz zum Normalen, irgendetwas zwischen Guckkasteneffekt und dem Eindruck tatsächlicher Benutzbarkeit“. So komme beim Betrachter ein Nachdenken über Strukturen zustande. Der Arbeitstitel des Werks laute „Industrielles Haus“, sagt Holzapfel und schiebt nach: „Gefertigt wird die Skulptur aus Brandenburger Kiefer von einem niedersächsischen Unternehmen mit dem schönen Namen ,Holz & Lehm‘.“ Dann lässt er seine Besucher eine Weile grübeln, um zu erklären, dass Fachwerkkonstruktionen in rund tausend Jahren vervollkommnet worden seien und in modernen Stahlkonstruktionen eine Fortsetzung gefunden hätten.

Für den Künstler ist Fachwerk „eine Art von Sprache“, die etwas über das „Raster unserer Kultur“ und unser Weltbild verrate: „Die Baukonstruktion zeugt von überkomplexem Denken. Man sieht, dass Lasten und Risiken verteilt sind und durch Stützen Abhängigkeiten geschaffen werden. Den Bauten ist ein Sicherheitsdenken eingeschrieben.“ In anderen Erdgegenden werde anders gebaut. Im Lateinamerika-Pavillon der vergangenen Biennale in Venedig zeigte Holzapfel eine Auseinandersetzung mit Strukturen, auf die er in Buenos Aires und der umliegenden Pampa stieß. Er ging von der Beobachtung aus, dass die Einwohner von Buenos Aires ein äußerst diffuses Bild des Umlandes haben.

Im Atelier des Künstlers zeugen Kunst- und Philosophiebücher von vielfältigen Interessen. Man findet einen „Correggio“-Band, „Für Marx“ vom marxistischen Philosophen Louis Althusser in der Suhrkamp-Ausgabe, eine „Kleine Kunstgeschichte des deutschen Fachwerkbaus“ sowie den Band „Landkarten des Heiligen Landes“. Ein Nachmittag bei Olaf Holzapfel lehrt einen, seine Skulpturen als dynamische Denkmodelle zu begreifen. „Es gibt keine Brüche“, sagt Holzapfel. Mancher angebliche moderne Aufbruch fuße in Wahrheit tief in der Geschichte (zum Beispiel im Fachwerkbau). In seiner persönlichen Biografie existiert aber doch eine scharfe Bruchlinie. Er sei kurz vor der Wende über Ungarn in den Westen geflüchtet, sagt der Künstler. „Ich habe mich in Dresden in dem Bewusstsein verabschiedet, dass ich meine Verwandten und Freunde nie wieder sehe.“ Kurz danach konnte er zurückkehren, „es war aber eine andere Stadt“. Die Wende habe ihn zur Desillusionierung gezwungen, dazu, Abstand herstellen, sagt Holzapfel. Sie habe ihn zum „Emigranten im eigenen Land“ gemacht. Es ist nicht die schlechteste Voraussetzung für intelligente Kunst.

Am 4. April eröffnet in der Niedersächsischen Landesvertretung in Berlin eine Schau mit Olaf Holzapfels Fachwerkskulpturen. Es gibt ein Podiumsgespräch zwischen dem Künstler und dem Kurator Martin Germann und eine Einführung von Carina Plath vom Sprengel Museum Hannover.

Vom 17. Mai bis zum 19. August zeigen das Sprengel Museum Hannover, die Kestnergesellschaft und der Kunstverein Hannover gemeinsam unter dem Titel „Made in Germany 2“ eine große Überblicksschau zur internationalen, zeitgenössischen Kunstszene in Deutschland.

Was erzählt Fachwerk über unsere Kultur? Olaf Holzapfel und sein „Industrielles Haus“ als Modell. Foto: Rother



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