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Rebbekka Bakken plaudert und singt im fast ausverkauften Pavillon

Die Schminkzimmer-Katastrophe

HANNOVER. Rebekka Bakken ist viel herumgekommen. Lebte in New York, in Wien, nun wieder in ihrer Geburtsstadt Oslo. Und reichlich „Boyfriends“ habe sie genossen, plaudert die 47-Jährige im fast ausverkauften Pavillon. Das Kennenlernen habe immer einen Song hervorgebracht, die Trennung erst recht.

veröffentlicht am 08.11.2017 um 19:49 Uhr

Rebekka Bakken im hannoverschen Pavillon. Foto: jed
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Autor

Martin Jedicke Reporter
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Aus Österreich bringt sie Ludwig Hirschs Lied „Der Schnee draußen schmilzt“ mit, singt es in einem Gemisch aus Dialekt und norwegischem Akzent. Anrührend und zu Ehren des verstorbenen Liedermachers.

Bakkens Bandbreite ist enorm. A cappella beginnt sie ein Kirchenlied aus ihrer Heimat, ganz zart schiebt sich später Kjell Harald Litangens Gitarre unter die reine, warme Stimme – mit einem Twang, der die Weite der amerikanischen Prärie evoziert. Bakken moduliert Töne, die an indianische Ritualgesänge erinnern, dann gesellt sich Per Mathisens grooviger, aber mitunter etwas vorlauter Bass hinzu, schließlich Rune Arnesens variantenreiches Schlagzeugspiel.

Bakken, die sich am Flügel begleitet, sagt: „Ich arbeite mit Jazz-Musikern zusammen, aber ich selbst bin es nicht.“ In die Jazzecke schob man sie nach ihrem Debütalbum, doch sowohl der herrliche Abschluss mit „Ghost in This House“ wie auch „No Easy Way“ oder „Didn’t I“ ordnen sich eher dem Singer/Songwriter-Pop zu, während die Rhythmus-Sektion und Bakkens Drei-Oktaven-Stimme sich dem Jazz nähern.

Zu Recht von den 550 Gästen bejubelt werden die Tom-Waits-Songs. Die schunkelnde Ballade „Time“ als Auftakt, vor allem aber der Auszug aus dem Musical „The Black Rider“, Waits‘ „Freischütz“-Variante. In „Just the Right Bullets“ nimmt die Band nicht nur den zerschossenen Rummelplatz-Charme auf, sondern wagt sich an kakofonische Instrumentalpassagen, die kurz vor dem Auseinanderfallen wundersam wieder zusammenfinden. Bakken wirbt mit rollendem R und diabolisch-verführerischem Sprechgesang für den Teufelspakt, heulend, mahnend, sich dem naiven Wilhelm anbiedernd.

Und ehe es zu gruselig wird, erzählt sie von einem in einer Hotellobby vergessenen Koffer, fehlenden Schminkutensilien, dass sie in Hannover aber unter Freunden sei und es auf das Make-up nicht so ankomme. Nun ja.

Der anschließende Song, „Powder Room Collapse“, reiht Gedanken aneinander, die der Künstlerin beim Zurechtmachen durch den Kopf gehen. Assoziativ reimen sich Menschenrechte, Demokratie und Fair Trade auf Haargel, Figurprobleme und Cellulite. Und die Band rockt. Am Ende anhaltender Applaus und ein verdienter Blumenstrauß.

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