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Historische Ausstellungen und Werke internationaler Künstler erinnern an den Krieg des Varus

Die für die Kunst ausgeschlachtete Schlacht

Auf einer Wiese im Osnabrücker Land bietet sich ein merkwürdiger Anblick. Die Bronzefigur eines grinsenden Chinesen mit einem Metalldetektor in den Händen steht auf einem halb versunkenen Traktor. Yue Minjuns Skulptur „3009 n. Chr.“ mag mit der paranoiden Vorstellung spielen, die Chinesen könnten in tausend Jahren die Spuren unserer untergegangenen Kultur ausgraben. Tatsächlich erinnert Yues Arbeit an den britischen Major Clunn, einen Hobbyarchäologen, der 1987 mit einem Metallsuchgerät in Kalkriese auf römische Münzen und Geräte stieß. Der historische Ort der Varusschlacht schien endlich gefunden.

veröffentlicht am 28.04.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 05:41 Uhr

Autor:

Kristina Tieke
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Wenn auch die wissenschaftliche Forschung weiterhin neue Theorien hervorbringt – das Datum ist gesichert. Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. besiegte Hermann, der Cherusker die Legionen des Quinctilius Varus und vereitelte die römischen Expansionspläne in Germanien.

Kunstroute über Parks und Bauernhöfe

Um den Mythos der Varusschlacht, um Fakten und Fiktion, kreisen im Jubiläumsjahr vier Kooperationsprojekte: drei historische Ausstellungen in Detmold, Haltern und Kalkriese sowie Jan Hoets ehrgeizige Kunstschau „colossal“ mit 26 Werken internationaler Künstler an 14 Standorten im Osnabrücker Land. Auf einer Route von 130 Kilometern sind Bauernhöfe, Kirchplätze, Parks und ein Wasserschloss beteiligt.

Zwei imposante Holztürme des Portugiesen Pedro Cabrita Reis stehen sich am Rande einer Landstraße wie feindliche Befestigungen gegenüber. „Two enemies“ sind an römischer Kriegsarchitektur orientiert und verraten ihren provisorischen Lattencharakter. Gerade so, als erinnere Cabrita Reis daran, dass die Macht und ihre Symbole von begrenzter Dauer sind.

Aktuelle Bezüge zur Kriegsthematik

Im Museumspark Kalkriese hat der Niederländer Hans Lemmen auf sechs Baumstämmen die Fragmente einer Figur mit Blattgold aufgetragen. Aus einer bestimmten Perspektive setzen sie sich zu einem „Golden Boy“ zusammen. Das kostbare Material scheint auf den Helden Arminius, der fehlende Kopf auf seinen Kontrahenten Varus zu verweisen.

Nur wenige Arbeiten der spannenden Ausstellung setzen sich derart dezidiert mit den historischen Ereignissen auseinander. Aktuelle und biografische Bezüge zur Kriegsthematik überwiegen. Der Spanier Fernando Sánchez Castillo erinnert mit dem Reiterstandbild „Franco Up Down“, das beim Einwurf eines Euros aus einem Podest auftaucht, an die Franco-Diktatur – und an den Zusammenhang von Krieg und Geld. In Osnabrück sorgt Wilfried Hagebölling mit dem Nachbau einer Isolierzelle, wie sie US-Truppen bei Abu-Ghreib-Häftlingen einsetzen, für heftige Diskussionen. Und Susanne Tunn fordert die Fantasie des Betrachters heraus, wenn sie im Kuhstall des Hellbaumhofes eine glänzende Zinnlache ausgießt und das Schmelzen von Metall für die Waffenherstellung beschwört.

Für die Dauer des Projekts – bis Ende 2011 – steht der Gutshof in Ostercappeln dem Kunstpublikum offen.

Überhaupt ist dies der unbezahlbare Erfolg einer Schau, die die Kulturstiftung des Bundes und die VGH-Stiftung mit einer halben Million Euro unterstützen: dass die regionale Bevölkerung sich begeistert engagiert. Kurator Jan Hoet, selbst ein begnadeter Euphoriker, prognostiziert bereits die „colo-ssal“-Erweiterung durch neue Künstler, neue Standorte und längere Laufzeit. Der Besitzer des Iburghofs in Belm jedenfalls hat sich bis auf Weiteres für den Anbau kleinwüchsigen Weizens entschieden, um Wilfried Hageböllings Stahlskulptur „o.T.“ nicht mit

hohem Dinkel zu verdecken. Mehr Identifikation ist nicht drin.

Die Ausstellung „colossal“ ist bis zum 31. Dezember 2011 im Museumspark Kalkriese und im Osnabrücker Land zu sehen.



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