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Beim Autumn Moon-Festival sind auch die Darkwave-Veteranen Deine Lakaien zu Gast

Die Diener der Dunkelheit kommen

Hameln. 1986 in einem Hamelner Reihenendhaus. In der Plattensammlung eines Freundes taucht plötzlich dieses schwarzweiße Cover mit zwei Leuten in barocker Dekadenz auf. Der Titel: Deine Lakaien. Aha. Willfährige Bedienstete. Eine sexuelle Anspielung? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall ein Bandname, der sich tief einprägt. Die beiden Typen entsprechen dem Zeitgeist: schön finster, depressive Attitüde.

veröffentlicht am 28.10.2015 um 19:28 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:08 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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So war das eben. Dazu viel Haarspray, viel Kajal, viel Schwarz überall und bloß nicht zu viel Emotion. Die Krönung des depressiven Kults waren zwar Joy Division, aber die anderen, in deren Musik ein finster-dekadentes Versprechen liegt, bekommen auch ihren Platz. Besonders, wenn sie so wunderbare tiefe, sonore Stimmen haben wie Nick Cave, Andrew Eldritch (Sisters of Mercy) oder eben Alexander Veljanow von den Lakaien. Auch er hat diese aufsehenerregende Stimmlage, die wie ein Gerüst ist. Oder ein faszinierender, unterkühlter Klangteppich.

Bombastisch,

dramatisch, mit Donnerorgel

Ein Pfund, mit dem Veljanow bis heute wuchern kann. Dass die Lakaien auch die 80er-Attitüde nie abgelegt haben, brachte ihnen auch Häme ein. „Softpornomusik für Orks, die bloß kuscheln wollen“, und „Musik für Menschen mit elbischen Wandtattoos“, schrieb ein Kritiker über das letzte Album „Crystal Palace“. Hm. Auf jeden Fall ist es die Art von Musik, mit der man in der Gothic-Wave-Szene bis heute gut aufgehoben ist. Bombastisch, dramatisch, im Hintergrund donnert es oft. Und das nach 30 Jahren im Business. Sind die Lakaien wirklich so erstarrt wie ihr „Crystal Palace“?

Ja und Nein. Der studierte Musiker Ernst Horn und Alexander Veljanow zeigen im Rahmen des ewig gleichen Images immer wieder Mut zur Veränderung. Da sind zum Beispiel die erfolgreichen Live-Touren, die sich komplett von der Studiomusik unterscheiden. Das erste Mal präsentierte sich das Duo nach dem zweiten Album „Dark Star“ (1991) live mit zwei weiteren Musikern und total umarrangierten Titeln. Die Synthese aus live gespielter Elektronik, Gesang und klassischen Instrumenten kam gut an. Auch die nächste Tour, bei der sie 1992 auf der documenta in Kassel mit einem rein akustischen Programm mit Flügel und Gesang experimentierten, war komplett ausverkauft.

Nach dem großen Durchbruch 1993 mit dem Album „Forest Enter Exit“, mit dem zum ersten Mal der Weg in die deutschen Charts gelang, und einem weiteren Live-Album, wurde es 1997 ruhiger um die Band. Veljanow und Horn widmeten sich fortan Soloprojekten.

Ab 2002 folgten neue Alben, ab 2010 hat die Musik einen neuen Zungenschlag: Die Lakaien sind plötzlich bissiger, prangern politische und gesellschaftliche Missstände an. Wo es vorher hauptsächlich um romantische Ästhetik über Elektronik ging, ist plötzlich eine Menge Wut zu spüren.

Ernst Horn komponiert den Titel „Immigrant“ Veljanow den Song „Europe“. Beide haben das gleiche Thema: Migration und die europäische Frage.

Geradezu hellsichtig, könnte man aus heutiger Sicht meinen. Tatsächlich stellt Veljanow bereits damals in diesem Zusammenhang in einem Interview die Frage „Wer darf was?“

Horns Song Immigrant handelt von einem Menschen aus der Dritten Welt, der versucht, übers Mittelmeer irgendwohin zu gelangen, wo er sich eine würdige Existenz erarbeiten kann und darf. Der Chorus gipfelt in der Frage nach einem ganz normalen Leben. Wer darf dieses Ansinnen in Frage stellen? „Wird man erschossen? Wird man zurückgetrieben? Eingesperrt? Oder schafft man es? Und zu Hause wartet die Großfamilie, die eben in dem jungen starken Mann den fähigsten erwählt hat, das Schicksal zu wenden“, so Veljanow damals im Interview mit „laut“.

Ähnlich ist es in dem Song „Europe“, den Veljanow, der mütterlicherseits makedonische Wurzeln hat, geschrieben hat. Es geht um Vasallen und Verbündete in Europa, um die Frage: Wer entscheidet über die Einteilung in verschiedene Klassen in Europa?

Filigraner und

abgespeckter als in den 90ern

Und heute? Mit ihrem letzten Album kramten die Diener der Dunkelheit plötzlich wieder die alten Elemente hervor. Die 80er und frühen 90er lassen grüßen, wenngleich viel filigraner und abgespeckter. Vielleicht auch eine Sache verbesserter Technik. Wenngleich die Lakaien schon immer klassisch komponiert haben: Klavier, Stimme, Text. Unter den Elektrobands der Welt gehörten sie wahrscheinlich zu den Ersten, die unplugged mit präpariertem Klavier à la John Cage und Gesang aufgetreten sind.

Zum Album Crystal-Palast passt auch wieder Veljanows geschliffen kantige Frisur bestens, diese obenhin trapezförmig ausufernde Haarpracht, die irgendwo zwischen König Ludwig II. und Rudolf Mooshammer liegt. Das Schöne ist: Dem Mann macht’s nichts aus, als operettenhaft schwelgerisch abgestempelt zu werden.

Und: Man muss die Musik des Multiinstrumentalisten Horn und seines Partners mit der eindringlichen Stimme ja nicht mögen, aber musikalisch ist festzuhalten: Sie sind versiert in dem, was sie tun.

Manchmal passt ein bisschen Drama ja auch zur Stimmung: „Deine Lakaien“ und all die anderen Düster-Bands beim Autumn Moon Festival zu hören, ist wahrscheinlich ungefähr so, wie zwischen Weihnachten und Neujahr an drei Tagen hintereinander „Herr der Ringe“ zu gucken – ohne groß rauszugehen. Warum eigentlich nicht?

Termin: Deine Lakaien, Freitag, 23 Uhr, Rattenfängerhalle Hameln. Weitere Infos unter www.autumn-moon.de.



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