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Die deftige Perspektive: So uneitel sieht Guido Sieber die Menschen

Sein schier unerschöpfliches Sujet sind die Menschen. „Ganz stinknormale Bürger“, wie Richard Peter sagt. Aber auch Promis. Stars und Sternchen und all die, die es gern wären. Julia Marre hat die Ausstellung im Kunstkreis besucht.

veröffentlicht am 28.08.2011 um 17:15 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 10:21 Uhr

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Von Julia Marre
Hameln. Eine bittere Wahrheit zu Beginn: Orangenhaut hat nichts mit der Ernährungsformel „Fünf mal Obst am Tag“ zu tun. Schon gar nicht, wenn sie so ungeniert unterm viel zu kurzen Bandeaukleidchen hervorquillt. „Groupies“ heißt das Acrylbild des Grauens. Es zeigt zwei alte Mädchen, denen sich so schnell wohl keine Backstage-Tür mehr öffnet. Gen Hals schiebt sich unförmig die stark gequetschte Oberweite. Die weißen Kniestrümpfe erzählen deprimiert von vergangenen Lolita-Tagen. Und die grob gemusterte Strumpfhose ist – mit Verlaub – bei diesem kraterigen Beinschwabbel hochgradig peinlich.
Guido Sieber – 1963 in Karlsruhe geboren – hat sie gemalt. Sie, die Groupies, Touristen, die Shopping-Victims und Kriminellen, die großstädtischen Exzellenzen und kleinkarierten Opfer ihrer selbst. Dazu: Musiker und Musikhörer und auch Musiklose. „Allüren und Marotten“ heißt die Ausstellung im Kunstkreis, die verschiedene Werkgruppen des Berliner Malers vermengt.
Sein schier unerschöpfliches Sujet: Menschen. Darunter „ganz stinknormale Bürger“, wie Richard Peter am Samstag in seiner Einführung sagt – allerdings gemalt „ohne den Blick des vergebenden, liebenden Menschenfreunds und Ästheten“. Tatsächlich ist es eher ein Leben in reduzierter Farbigkeit, das Sieber abbildet. Zwischen glänzenden Eiterpickeln und knisternden Lidl-Tüten. Zwischen sich selbstüberschätzender Schickeria und ungezügelter Unterschicht. Zwischen Messie und Markenwahn.
Realismus lautet die Überschrift, die über Siebers Ausstellung prangt. Und realistisch, gibt Richard Peter zu bedenken, „ist nicht zwingend schön, wie uns Idealisten immer wieder einzureden versuchen – realistisch ist, wie’s ist. Und das ist selten schön.“ Siebers Bilder – Acrylgemälde und Tuschezeichnungen – sind zweifellos tragische Satiren. Überzeichnet erzählen sie vom Jahrmarkt der Uneitelkeiten, aus BVG-Wartehäuschen und der Kleingartenkolonie. Dass Siebers Werke wegen ihrer Deftigkeit gern mit denen von George Grosz verglichen werden, liegt nahe.
Auch wenn Siebers persönliche „Hall of Fame“, seine Reihe „Rock’n’Roll Fever“, wohl die publikumswirksamste ist – am besten geraten seine Werke dann, wenn sie fernab von Stars und Sternchen bizarre Szenen und bizarrere Charaktere in technisch brillanter Umsetzung zeigen. Etwa in „Impressionistisches Leben“ oder „Drei wartende Damen“. Auch schön: „Liebe“ mit schlabbernden Zungenkusszungen. Oder die Zeichnung „Fruchtfleisch“ – mit unappetitlichem Cellulitis-Po vorm Obstverkaufsstand. Die bittere Wahrheit zum Schluss: Wo ein schöner Rücken noch entzücken könnte, kann solch ein Po das nicht mehr so.

  • Bis zum 16. Oktober sind die Bilder von Guido Sieber im Kunstkreis Hameln, Rathausplatz 4, zu sehen.


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