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Es kann nur einen geben: Standing Ovations für „Frost/Nixon“ mit den Hamburger Kammerspielen

Die beste Talkshow der Theater-Spielzeit

Hameln. Was Theater kann? Es kann fesseln, entlarven. Es kann tiefschürfend, spannend, kurzweilig sein. Es kann zu nicht enden wollendem Beifall hinreißen und zu Standing Ovations – wie am Montag im Theater. „Frost/Nixon“ heißt an diesem Abend das Stück mit den Hamburger Kammerspielen, das es auch als erfolgreichen Spielfilm gibt – beides übrigens vom selben britischen Drehbuchautor Peter Morgan verfasst.

veröffentlicht am 24.11.2010 um 15:32 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 09:41 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Sowohl auf der Bühne als auch auf der Leinwand gelingt Morgan ein großartiges Stück politischer Unterhaltung – authentisch, beinahe real, aber doch mit vielerlei fiktiver Dekoration. Weil es der Dramaturgie entgegenkommt. Und weil es einfach bühnen- und kameratauglicher ist.

Die stundenlangen Interviews von Talkmaster David Frost mit dem gescheiterten US-Präsidenten Richard Nixon von 1977 sind das Fundament des Dramas. Tragische Helden gibt es darin gleich zwei: den um Anerkennung ringenden oberflächlichen Frost und den gebrochenen, rhetorisch mehr als gewandten Nixon. Zwei ehrgeizige Protagonisten, die sich duellieren. Zwei harte Gegner, unter denen es nur einen Sieger geben kann.

Keine Frage: Die Inszenierung von Michael Bogdanov ist erstklassig. Erst im vergangenen Jahr feierte das Schauspiel seine deutschsprachige Erstaufführung. Mittlerweile wurde es in Hamburg wieder in den Spielplan aufgenommen. Was die Aufführung aus dem Gemenge von Konversation und inhaltsleeren Worthülsen herausstellt: die untrennbare Verbindung von Politik und Showgeschäft. Die Moral, seinen Appell zur Ehrlichkeit, verpackt Regisseur Bogdanov in einen fast dokumentarischen Thriller. Im Gegensatz zum Film ist die Inszenierung um einige humorvolle Kommentare ärmer – aber deswegen keineswegs schlechter. Im ersten Teil werden episodenhaft die Charaktere vorgestellt, wird Spannung aufgebaut, ehe der verbale Schlagabtausch beginnt. So gibt es zunächst vorwiegend Ausschnitte, später immer wieder Einschnitte – anders als im Film, kommentieren zwei Schauspieler aus ihrer Rolle heraus das Geschehen, liefern Erläuterungen, spielen Erzähler.

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Hervorragend ist die Leistung der Schauspieler. Volker Lechtenbrink spielt einen überragenden Nixon, den gebrochenen Präsidenten, als vielschichtige Persönlichkeit. Noch schwieriger aber ist die Aufgabe von Michael Ehnert, den Partyhengst Frost zu verkörpern. Ob Roland Renner oder Thomas B. Hoffmann – sie alle spielen mehr als beachtlich auf der dezent und sehr passend eingerichteten Bühne (Holly McCarthy).

Ein ganz großer Theaterabend aus der heiß umkämpften Manege des Politzirkus’.

Mann gegen Mann: David Frost (Michael Ehnert, links) interviewt Richard Nixon (Volker Lechtenbrink). Foto: Oliver Fantitsch

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