weather-image
25°
Verblendet: „Disney’s Weihnachtsgeschichte“

Dickens’ Herz liegt unter Effekten begraben

Die „Weihnachtserzählung“ von Charles Dickens kennt vielleicht jeder – wenn nicht aus der Bücherei, so aus dem Kino. Mehrmals wurde sie bereits verfilmt, aus neuerer Zeit fällt einem gleich Richard Donners moderne Adaption „Die Geister, die ich rief“ (1988) mit Bill Murray als Inkarnation des geizigen und kaltherzigen Scrooge ein. Doch wohl keine Version dürfte so rasant und überwältigend sein wie diese. Womit wir auch schon beim Problem des Films wären. Regisseur Robert Zemeckis, bekannt für seine „Zurück in die Zukunft“-Trilogie, hat sich dem letzten Schrei in der Digital-Technologie bedient und gibt ordentlich an: durchsichtige, bedrohliche Geister schweben durch geschlossene Türen, wiederkehrende, beängstigende Visionen vom Fall in die Tiefe plagen den Helden, wilde Flüge über Londons Häusermeer oder die waldbedeckte Landschaft rauben den Atem. Nichts ist mehr unmöglich, ein ums andere Mal reibt man sich ungläubig ob der Brillanz der Bilder die Augen. Zemeckis hatte schon 2004 mit „Der Polarexpress“ Tom Hanks digitalisiert und in den Computer verbannt. Wie das funktioniert? Beim sogenannten Motion-Capture-Verfahren tragen die Schauspieler Anzüge mit Detektoren, die ihre Bewegungen einfangen und in den Computer einspeisen. So kommt es, dass hier Schauspieler wie Jim Carrey (als Scrooge), Gary Oldman und Colin Firth Teil eines Animationsfilms werden, der darüber hinaus in 3D inszeniert ist. Der Eindruck räumlicher Tiefe ist beeindruckend, und doch muss man sich fragen, was das noch alles mit Dickens zu tun hat.

veröffentlicht am 06.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 15:41 Uhr

Autor:

Michael Ranze
Weiterlesen mit Ihrem Digital-Abonnement
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Bei Dickens geht es um unterdrückte Gefühle, die langsam wieder zum Vorschein kommen, um einen Misanthropen, der wieder Freude am Leben (und an den Menschen) gewinnt. Zemeckis hingegen verlässt sich auf die Technik und begräbt das Herz von Dickens’ Erzählung unter erstaunlichen Effekten und faszinierender Optik. Geblendet verlässt man das Kino.

Lesen Sie auch das Interview mit Hauptdarsteller Jim Carrey auf Seite 62. „Disney’s Weihnachtsgeschichte“ läuft im Maxx-Kino Hameln täglich um 14.45, 17.15 und 20 Uhr.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare