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Freitag erscheint ihr neues Album: „Hirnschaden & Kanone“

Der verstörende Rap von „Dick & Doof“

HAMELN. Wer ohne Vorkenntnisse auf die Musik von „Dick & Doof“ stößt, muss sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Kaum ein Tabu, das G-Ko und Maxxi.P. in ihren Raps nicht brechen: von Kannibalismus bis zur Kindstötung. Was zur Hölle soll das? Ein Treffen mit Christian „G-Ko“ Pook alias „Dick“ soll Licht ins Dunkel bringen.

veröffentlicht am 13.07.2017 um 20:12 Uhr
aktualisiert am 16.07.2017 um 12:46 Uhr

Christian „Dick“ Pook (li.) und Maximilian „Doof“ Putnai. Foto: Six.One/pr
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Schwarz trägt der 26-Jährige an diesem heißen, sonnigen Sommertag, das gilt zumindest für T-Shirt und Jeanshose. Die Adidas-Superstars an seinen Füßen heben sich strahlendweiß davon ab. Die charakteristische schwarze Melone, welche die beiden rappenden Kunstfiguren „Dick & Doof“ wie ihre Vorgänger Laurel und Hardy sonst tragen, hat G-Ko heute nicht auf. Das Haupthaar ist mit Wachs nach hinten frisiert, die Seiten sind nahezu kahl geschoren. Hin und wieder weht seine Fahne rüber, die noch von dem Umtrunk zeugt, den er am Abend zuvor mit einem Hamelner Freund veranstaltet hat.

G-Ko ist in Hameln, seiner Heimatstadt, nur zu Besuch. Nach anderthalb Jahren Studienaufenthalt in Emden (Medientechnik) ist er nach Hannover gezogen. Die Ausbildung ist zwar noch nicht ad acta gelegt, aber die vorläufige Entscheidung für ein Künstlerleben ist gefallen. In Hannover wohnt auch „Doof“, auch bekannt als Maxxi.P. beziehungsweise MXP beziehungsweise Maximilian Putnai. Ende letzten Jahres veröffentlichte der Hannoveraner gemeinsam mit dem Hamelner Produzenten Eugen „KVSV“ Langemann das Minialbum „Hallo Winter“ (wir berichteten).

Aus der neuen räumlichen Nähe ist das am Freitag erscheinende neue „Dick & Doof“-Album von G-Ko und Maxxi.P. entstanden: „Hirnschaden & Kanone“. Der Titel sei eine Verballhornung des Titels der britischen Fernsehserie „Mit Schirm, Charme und Melone“ aus den 60er und 70er Jahren, sagt G-Ko auf einer im Schatten gelegenen Bank in der Parkanlage des Gesundheitscampus’ Wilhelmstraße. Zur Abkühlung will er sich ein kaltes Paderborner Pilsener aus der Halbliter-Dose gönnen.

G-Ko ist mittelgroß, hat eine ausgeprägt tiefe Stimme und ein freundliches, ruhig anmutendes Wesen. Ein sympathisches Kerlchen, um nicht zu sagen, das Gegenteil dessen, was er als Rapper bei Dick & Doof verkörpert. Was hat es also mit dem Bösewicht-Image auf sich, das er sich als Künstler gibt? Was fasziniert ihn so an Psychopathen und Horrorszenarien, die er in seinen Raps darstellt und schildert?

„Es entertainet mich einfach“, sagt er. „Das ist wie beim Kucken eines Horrorfilms, zum Beispiel ,Saw‘, in dem auch jemand zermetzelt wird – und diese Filme sind überall frei verfügbar.“ Es ist ein Wink in Richtung der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“. „Ich habe den Eindruck, dass solche Inhalte in der Musik schlimmer empfunden werden als in Filmen“, sagt er und verweist auf Alben der namhaften, ebenfalls teilweise in Hameln verwurzelten Rap-Gruppe Ruffiction, die von der Bundesprüfstelle indiziert wurden. Vielleicht ist die eigene Fantasie, die beim Hören angeregt wird, schlimmer oder intensiver als die Visualisierung von Schreckensszenarien …

„Ich bin ein düsterer Mensch“, antwortet Maxxi.P. im E-Mail-Interview auf die Frage nach der Faszination. Seine Lieblingsfarbe sei Schwarz, „die Abgründe der Menschen, ohne das Drumherum“, interessierten ihn. „Ich hab als Kind gerne verstörende Bilder gemalt; andere mochten halt Ponys und ,Beast Wars‘“, führt der selbstständige Grafikdesigner und Mediengestalter aus.

Für das Verständnis von „D&D“, wie sich die zwei seit neuestem auch nennen, sind zwei Aspekte jedenfalls unabdingbar: schwarzer Humor und ein wenig Hip-Hop-Kenntnis. Der Humor wurzelt bei G-Ko in Satire-Serien wie „South Park“, die er schon im Alter von zehn Jahren lustig gefunden habe. Oder „Family Guy“. „In der Zeichentrickserie wird ein Kind auf der Straße zu Matsch gefahren – und das läuft tagsüber auf Comedy Central im Fernsehen“, sagt G-Ko.

Und was hat Hip-Hop damit zu tun? Viele Texte, die etwa davon handeln, wie Dick & Doof ihr imaginäres Gegenüber auf brutalst mögliche Art und Weise in seine Einzelteile zerlegen, seien schlichtweg, wenn auch "besonders düsterer", Battle-Rap. Eine alte Hip-Hop-Tradition, in der es darum geht zu zeigen, dass es keinen besseren und tolleren Rapper gibt, als man selbst, und alle anderen Rapper schlägt, besiegt, tötet – verbal, versteht sich.

Und das können Dick & Doof. Sie beherrschen ihr Handwerk, die Raps sind technisch ausgefeilt, funktionieren auch in Doubletime, dazu ihr Image als Bösewichte – fertig ist das Kunstwerk. „Dick & Doof waren als lustige Typen bekannt – wir sind jetzt die bösen Wiedergeburten“, erklärt G-Ko. „Das ist alles Fiktion, ich meine: Wer nennt sich denn schon Dick & Doof?!“

Als Gast auf ihrem neuen Album, das zum Großteil von G-Ko produziert wurde, ist unter anderem der Berliner Rapper Basstard, ein „Jugendidol“ von G-Ko, zu hören. Das Video zu dem Song mit Basstard, „Kreaturen“, hat der Hamelner Steve Bielke am Friedhof in Afferde gedreht. Zu Halloween werden G-Ko, Maxxi.P., Basstard und Tamas (DeineLtan) als „Zombiez“ sogar ein gemeinsames Album veröffentlichen.

Ein weiterer Gast hat seine Wurzeln in der Region: Jonny Bockmist, auch bekannt als Oliver Sauerland aus Bodenwerder und Schlagzeuger der Punk-Band Abstürzende Brieftauben, der heute in Hannover wohnt. Er hat für „Kontrolle“ die Gitarre eingespielt. „Das ist ein ziemlich ehrlicher Track und fast schon poppig“, sagt G-Ko. In dem Song gehe es über Kontrollverlust unter dem Einfluss von Alkohol.

Auf dem Gesundheitscampus gesellt sich ein Patient der psychiatrischen Tagesklinik dazu und erzählt: von seinem eigenen Trauma, misslungenen Aufenthalten in anderen Psychiatrien und schrecklichen Erlebnissen, die anderen Patienten widerfahren sind. Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung. Nach einer Weile geht er wieder seiner Wege.

Schweigen. Dabei wird klar: Es sind diese Geschichten, die der wahre Horror sind. Das tatsächliche Grauen, das sich jeden Tag irgendwo zuträgt. Vielleicht dienen die Horror- und Psychopathen-Raps von Dick & Doof, ihre Identifikation mit dem Bösen insofern auch als Selbstschutz. Es gibt so viel Schlechtes in der Welt, dass die Vorstellung davon manchmal kaum auszuhalten ist. Warum es also nicht künstlerisch aufgreifen, völlig überzeichnen und so der Realität, dem alltäglichen Horror den Schrecken nehmen? „Stimmt“, sagt G-Ko, „ich laufe jedenfalls lieber auf den Tracks Amok, anstatt in der Realität.“

Erst jetzt öffnet er die Halbliter-Dose Paderborner.

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