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Rattenfänger-Literaturpreis für den kürzlich verstorbenen Jürg Schubiger und Illustrator Aljoscha Blau

Der Riss in der Endlichkeit

Hameln. Der Blick auf die Erde ist plötzlich ein anderer – er ist schmerzlich geworden. Abend für Abend hatte die Frau im Mond ihrem Sohn beim „Fernsehen“, beim gemeinsamen Betrachten der Erde, von den Wundern erzählt, die sich dort abspielen, auf dem blau leuchtenden Planeten, so nah und doch so unerreichbar. Hatte berichtet von Würsten und frischgebackenem Brot, von Schwarzwälderkirschtorte, von Schneemännern und Schneefrauen. Und dann, eines Tages, reißt sich das Kind im Mond von seiner Mutter los, um zur Erde zu fliegen, in eine ungewisse Zukunft an diesem wunderbaren, fremden Ort.

veröffentlicht am 17.10.2014 um 21:59 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 08:54 Uhr

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Wiebke Kanz

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Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite
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Dass Abschied, Sehnsucht, Trennung zum Leben dazugehören, das wusste Jürg Schubiger – sein Buch „Das Kind im Mond“ erzählt davon. Gestern Abend hätte er im Hamelner Theater gemeinsam mit Illustrator Aljoscha Blau den 15. Rattenfänger-Literaturpreis entgegennehmen sollen. „Nun ist es anders gekommen“, sagte der Juryvorsitzende Prof. Bernhard Rank: Am 15. September ist der Schweizer Schriftsteller, der am vergangenen Dienstag 78 Jahre alt geworden wäre, einer langen Krankheit erlegen. An seiner Stelle übergaben Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann und Rank den mit 5000 Euro dotierten Preis an Schubigers Witwe Renate Bänninger Schubiger und an Aljoscha Blau.

„Ich kann für uns alle sprechen, wenn ich sage, dass wir Jürg Schubiger sehr gerne hier willkommen geheißen hätten, um ihn für dieses besondere Preisbuch zu ehren“, sagte Lippmann in ihrer Festrede, nachdem der wunderbare Cellist Wolfram Huschke sein „Mondlied“ gespielt hatte, seine ganz eigene Übersetzung dieses „Meisterwerkes der Kinderliteratur“ in die Musik. 228 Märchen- und Sagenbücher, fantastische Erzählungen, moderne Kunstmärchen und Erzählungen aus dem Mittelalter für Kinder und Jugendliche hatten die Literaturpreis-Jury erreicht, von Bilderbuch bis zum Jugendroman war alles dabei.

„Das Kind im Mond“ sei voller Wunder und doch so von anschaulicher Realität durchdrungen, „dass wir uns das Leben auf dem Mond und die Sehnsucht des Kindes nach der in ihren blauen Himmel gehüllten Erde gut vorstellen können“, hatte der Juryvorsitzende Rank im Mai die Entscheidung der Jury begründet, das Buch von Schubiger und Blau auszuzeichnen. Die poetischen Bilder des deutsch-russischen Illustrators Aljoscha Blau – „tiefes, dunkles Schwarz, leuchtendes Blau“ sowie „lichtes Grau und milchiges Gelb“, dazu comichafte Skizzen – trügen in ihrer abstrahierenden Zeichensprache und in ihrer kontrastreichen Farbigkeit dazu bei, sagte Rank. Zugleich würdigte er Schubiger, der mit Rank auch befreundet war, als in einer Reihe stehend mit Christian Morgenstern und Ernst Jandl, „um nur die Großen dieser lyrischen Zunft zu nennen“. Jürg Schubiger reihe sich hier ebenbürtig ein. 2008 war der Schweizer Autor und Psychologe mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet worden, der als Nobelpreis der Kinder- und Jugendliteratur gilt.

Susanne Lippmann (li.) und Prof. Bernhard Rank (re.) vergeben den Rattenfänger-Literaturpreis an die Witwe des kürzlich verstorbenen Autors Jürg Schubiger (unten), Renate Bänninger Schubiger, und an Illustrator Aljoscha Blau. Dana

„Jürg Schubiger hätte Ihnen, so hatten wir es vor, zum Dank für die Auszeichnung eine seiner vielen Geschichten vorgelesen“, sagte der Juryvorsitzende abschließend. „Seine sympathische Stimme lebt weiter in seinen unverwechselbaren Geschichten.“ Eine von ihnen, „Die Sonne, der Mond, die Menschen“, las Rank, der in diesem Jahr zum letzten Mal den Rattenfänger-Literaturpreis vergab, schließlich selbst vor. Darin der Satz: „Ich habe nie fertig erzählt.“ Und die Endlichkeit bekam einen Riss – so drückte es Schubigers Witwe Renate Bänninger Schubiger in ihrer Dankesrede aus: „Jürg ist gestorben, aber seine Texte leben weiter.“



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