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Großer Theaterabend im kleinen TAB

Der nackte Wahnsinn

Hameln. Keine Zeit für den See. Keine Zeit für die Kinder. Keine Zeit für Freunde oder die Ex. Nicht mal für den Vater. Und schon gar nicht für sich selbst. Klingt ungemütlich? Ist es auch. Nis-Momme Stockmann macht es seinen Zuschauern am Samstagabend im ausverkauften TAB nicht leicht. Aber er liefert mit seinem Drama „Der Mann der die Welt aß“ ein ausgewogenes Stück jüngster Theaterliteratur, in dem er mit manchmal komischen Momenten eine große Tragödie erzählt: von Hilflosigkeit, vom Entgleiten eines oberflächlich betrachtet gut sortierten Lebens, von Demenz, von Trennung, von Krankheit, von Einsamkeit.

veröffentlicht am 12.03.2012 um 14:52 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 13:41 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Das Schauspiel ist eindringlich – mit Schlägen und Küssen, mit Blöße und Fülle, mit Liebe und Hass. Da all das episodenhaft geschildert wird, verliert es ein wenig an Wucht, schenkt dem Zuschauer die entkrampfte Distanz eines Beobachters. Und doch lässt es ihn, gebannt und hoch konzentriert, mit erschreckenden Momenten allein und mit unfertig gedachten Gedanken nach Hause gehen.

Am Landestheater Castrop-Rauxel hat Ralf Ebeling das intelligente Kammerspiel ansprechend inszeniert. In einem leeren Puppenhaus aus Sperrholzwänden und milchigen Vorhängen (Ausstattung von Jeremias Vondrlik) zanken, reden und telefonieren die Protagonisten miteinander. Ein Kasten, der Schreibtisch und Sofa, Schrank und Steg zugleich ist, wird in den Umbaupausen hingelegt und aufgerichtet. Videoprojektionen zeigen die an der Strippe hängenden Gesprächspartner. Das ist zwar für die große Bühne gemacht, aber auch aus der Nähe der Studiobühne spannend anzusehen. Loungige Gitarreninterpretationen von Norah Jones und Simon and Garfunkel besänftigen. Denn auf der Bühne ist längst alles eskaliert.

Der Sohn ist arbeitslos geworden und zu eitel, es wieder einzurenken. Er sieht sich als Opfer seiner zerstörerischen Umwelt – und ist mit seiner egozentrischen Art doch Einzeltäter. Bülent Özdil haucht dem ignoranten Kotzbrocken fast etwas Bemitleidenswertes ein, bleibt seine Figur doch bis zuletzt kühl und blind für Selbstreflexion. Den Vater, dem nicht nur einmal „etwas Dummes passiert“, spielt Jürgen Mikol so fantastisch gebrechlich und aufgewühlt, dass man ihn am liebsten an die Hand nehmen möchte. Im Spiel schlappt er mit offener Hose oder gar nackt durch die Wohnung und suppt Linsensuppe in den Kleiderschrank, in den er sich später verkriechen wird. Aus Angst. Julia Gutjahr als Ex-Freundin Lisa malt virtuos mit der ganzen Gefühlspalette, dass es eine Freude ist, ihr zuzuschauen. Roni Merza spielt Bruder Philipp mit großer Sehnsucht nach Anerkennung – und Guido Thurk als Kumpel Ulf versucht, den verirrten Protagonisten wieder in zivilisierte Umgangsformen zu lenken.

Die gewaltigen Themen, die das Stück geradlinig transportiert, geht auch die Inszenierung schonungslos offen an. Spannend ist sie und ehrlich. Ein großer Theaterabend auf der kleinen Bühne, den das Publikum mit langem Applaus würdigt.

„Ich habe dich nie geschlagen“, sagt der Vater (Jürgen Mikol) wieder und wieder zu seinem Sohn (Bülent Özdil). Foto: Theater



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