weather-image
22°
Alice Coopers selbstironische Horrorshow

Der Mann mit den vier Leben

Braunschweig. „School’s out for summer“ grölt Alice Cooper und ist wieder achtzehn, wie so viele der 3000 Gäste der Volkswagenhalle in Braunschweig. Erinnerungen werden wach an den Bravo-Starschnitt, Cooper in bunte Alufolie gehüllt mit Boa constrictor um den Hals. Die Schlange gibt es am Samstagabend zwar nicht, dafür aber eine Horrorshow vom Feinsten, die das Genre so herrlich durch den Kakao zieht, dass es eine Freude ist. Willkommen in Alice Coopers Albtraum. Allein viermal wird Cooper auf der Bühne ins Reich der Toten befördert: per Guillotine, am Strick, mit Riesenspritze und in einer Eisernen Jungfrau. Hilft alles nichts, der Meister ist nicht totzukriegen, so sehr sich Nurse Rozetta auch müht. In knapper Schwesterntracht fräst sie mittels Flex ihren Keuschheitsgürtel auf, lockt mit einem Strip hinter einer Papierwand, verbannt Cooper in Rollstuhl und Zwangsjacke. Und der „Killer“ hat tatsächlich einiges auf dem Kerbholz, schleppt eine Leichenpuppe über die Bühne und wird natürlich trotzdem pausenlos für sein Tun gefeiert.

veröffentlicht am 15.11.2010 um 15:09 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 10:21 Uhr

270_008_4404755_ku106_1611.jpg

Autor:

Martin Jedicke
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Zu diesem gewohnt perfekt inszenierten „Theatre of Death“ gehört aber auch Musik aus vier Jahrzehnten. „School’s Out“ umrahmt die Show, bei „Elected“ wirbt Cooper mit Deutschlandfahne um Stimmen, zu „Dirty Diamonds“ wirft Mr. Nice Guy Perlenketten ins Publikum. Wie in seinen Werbespots präsentiert sich Cooper stets selbstironisch. Bei „I’m Eighteen“ stützt er sich auf eine Knochenkrücke, dabei ist der 62-Jährige fit wie ein Turnschuh, tobt über die Bühne, fuchtelt mit allerlei Zauberstäben herum, lässt zu „Billion Dollar Babies“ Papiergeld vom Degen ins Publikum flattern und sticht am Ende in Riesenluftballons, dass sich ein Glitterregen über die jubelnde Menge ergießt und an den durchgeschwitzten Körpern kleben bleibt. Ein wunderbar überdrehtes Rockmusical, frei jeden Splatterverdachts.

Ist zugleich Opfer und Täter – wie Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“: Alice Cooper. Foto: jed



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare