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Zum 100. Geburtstag: Heinrich Böll und die Fotografie – Ausstellung in Köln

Der kamerascheue Nobelpreisträger

KÖLN. Vor mehr als 50 Jahren war ein Fotoapparat noch eine kostspielige Anschaffung. Dennoch fürchtete Heinrich Böll schon damals den Zugriff von Big Brother durch die Allgegenwart von Kameras. Was würde er heute wohl sagen?

veröffentlicht am 30.08.2017 um 19:30 Uhr

Ein Bild des Fotografen Chargesheimer, das Heinrich Böll zeigt, gehört zu den Exponaten der Kölner Ausstellung „Die humane Kamera – Heinrich Böll und die Fotografie“. Sie ist im Museum Ludwig zum 100. Geburtstag des Nobelpreisträgers ab Freitag, 1. S

Autor:

Christoph Driessen

Heinrich Böll (1917 bis 1985) war schwer zu fotografieren – er hasste es, sich in Szene zu setzen, zu posieren. Lieber waren ihm da noch Momentaufnahmen während eines Gesprächs, mit einem Kaffee im Garten oder einer Zigarette im Arbeitszimmer. Der Literaturnobelpreisträger war ein uneitler und kamerascheuer Mensch. Dennoch waren Porträtfotos von ihm in den ersten Nachkriegsjahrzehnten überall präsent. Jeder kannte es, dieses verwelkte Gesicht mit den hängenden Backen, dem meist etwas geöffneten Mund und den melancholischen Augen. Zum 100. Geburtstag Bölls am 21. Dezember dieses Jahres zeigt das Kölner Museum Ludwig jetzt eine Ausstellung über sein ambivalentes Verhältnis zur Fotografie.

Der Titel ist: „Die humane Kamera“. So überschrieb Böll 1964 einen Essay, in dem er eine Moral des Fotografierens entwarf: „Wo die Kamera zudringlich wird (...), überschreitet die Fotografie ihre ästhetische und gleichzeitig moralische Grenze“, meinte er. Bis zu dieser Grenzüberschreitung fehlte aus seiner Sicht nie viel. Schon die Fernsehsendung „Vorsicht Kamera!“ empfand er als Zumutung. In dem Wort „Schnappschuss“ machte er zwei Gewaltverben aus: schießen und schnappen. Und vor mehr als 50 Jahren, als die Anschaffung eines Fotoapparats noch eine kostspielige Angelegenheit war, warnte er: „Wenn technisch perfektes Fotografieren in jedermanns Hand gegeben ist, ist Orwells Großer Bruder ja fast allgegenwärtig.“ Man kann sich ungefähr ausmalen, was Böll zum heutigen Smartphone-Zeitalter sagen würde, in dem jeder den ganzen Tag eine Kamera dabei hat, laufend knipst und die Bilder dann auch gleich weltweit veröffentlicht.

Wobei Böll selbst eben auch schon von jedermann erkannt wurde. Manche Fotos von ihm wurden zu Ikonen, etwa jenes, das ihn mit Krücke und Baskenmütze bei einer Blockade des US-Militärdepots in Mutlangen zeigt. Böll verstand es, seine Prominenz zu nutzen, er galt lange als Europas mächtigster Publizist neben Jean-Paul Sartre. „Auch das müssen wir modernen Schriftsteller lernen: mit der verrückten publicity fertig zu werden“, schrieb er seinem Freund, dem Dissidenten Lew Kopelew.

Böll war aber auch von der Fotografie fasziniert. Im Urlaub in Irland war er selbst mit der Kamera unterwegs. Er nutzte Fotos als Gedächtnisstütze beim Schreiben und steuerte zeitlebens Texte für Bildbände bei. Der bekannteste war einer über das Ruhrgebiet, der dort 1958 helle Empörung auslöste. Der Oberbürgermeister von Essen, Wilhelm Nieswandt, schimpfte über die „pessimistische Voreingenommenheit und beispiellose Einseitigkeit“ der Darstellung. Das Revier erscheint in dem Buch schwarz und spektakulär, ein Ort Ruß spuckender Kokereien und flackernder Stichflammen. „Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden“, begann Böll seinen Text.

Heute ist die dort gezeigte Welt schon lange untergegangen: Wenn die Hochöfen und Fabriken nicht abgerissen wurden, sind sie Denkmäler der Industriearchitektur.

„Es gibt Augenblicke, in denen auf einer Fotografie der Sinn einer Landschaft, ihr Atem spürbar wird, ein Porträtierter erkannt wird oder der geschichtliche Augenblick vors Objektiv kommt“, schrieb Böll. Das war für ihn die „humane Kamera“, die einzig zulässige Form des Fotografierens.



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