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„Der Kulturinfarkt“: Eine Branche ist in Aufruhr

Der große Kehraus

Früher war es der Suhrkamp-Verlag, der kulturpolitische Debatten initiierte. Heute gibt der Münchener Knaus-Verlag das Thema vor, über das die Feuilletons diskutieren. Am 20. März erscheint in dem Verlag das Buch „Der Kulturinfarkt“. Dessen Untertitel ist auch der geheime Stoßseufzer vieler Kulturredakteure: „Von allem zu viel und überall das Gleiche.“

veröffentlicht am 15.03.2012 um 19:35 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 13:21 Uhr

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Autor:

Ronald Meyer-Arlt
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Es geht um die subventionierte Kultur. Wir haben zu viel davon, meinen die Autoren, viel zu viel. Die staatliche Kulturförderung ersticke jede Eigeninitiative, die Kulturinstitutionen seien verfettet, selbstbezogen, erstarrt. In öffentlichen Kultureinrichtungen gehe es nur noch um das Management des Vorhandenen. Kraft für Innovationen, für Visionen gar, fehle. Das System stehe kurz vor dem Infarkt. Eine Radikalkur tue not: Weg mit den Subventionen für Theater, Museen, Bibliotheken, Orchester und andere Kultureinrichtungen! Jedenfalls mit der Hälfte.

Die Autoren der Polemik über Kulturpolitik und Kultursubvention sind keine Heißsporne der Offkultur, keine kalten Rechner von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, sondern Kulturexperten. Dieter Haselbach ist Professor für Soziologie und hat für den Deutschen Bundestag 2006 ein Kulturwirtschaftsgutachten erstellt. Pius Knüsel ist Kulturredakteur beim Schweizer Fernsehen. Stephan Opitz ist Professor für Kulturmanagement an der Uni Kiel, Armin Klein lehrt das Gleiche in Ludwigsburg.

Im „Spiegel“ erschien ein Auszug ihres Buches und provozierte den Aufschrei der üblichen Verdächtigen: Deutscher Kulturrat, Bühnenverein und andere Künstlervertretungen protestierten umgehend und in aller Schärfe (wir berichteten). Die Verfasser reizen die Szene besonders mit der These, dass man auf die Hälfte aller Theater, Museen, Bibliotheken und Orchester in Deutschland verzichten könne. „Was wäre gefährdet“, fragen die Autoren, „wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände, einige Archive zusammengelegt und Konzertbühnen privatisiert würden? 2500 statt 5000 Museen in Deutschland (...) – wäre das wirklich die Apokalypse?“, heißt es in „Der Kulturinfarkt“. Und die Autoren fragen weiter: „Fällt es so schwer, sich vorzustellen, dass die frei werdenden Mittel sich auf die verbleibenden Einrichtungen, auf neue Formen und Medien kultureller Produktion, auf die Laienkultur, die Kunstausbildung und eine tatsächlich interkulturell ausgerichtete kulturelle Bildung verteilen können?“

Natürlich fällt es nicht schwer, sich das vorzustellen und ihrer Kritik zu folgen. Ja, sicher: Es gibt heute deutlich mehr Theater, Bibliotheken, Volkshochschulen und Kunstfestivals als vor 30 Jahren. Und, ja: Expansion scheint in der Tat das Ziel der meisten Kulturinstitutionen zu sein. Sie brauchen immer mehr, vor allem mehr Geld. Auch richtig ist die Feststellung, dass die staatliche Förderung den öffentlichen Kulturbetrieben erlaubt, sich vom Wettbewerb abzukehren, während die privaten Kulturbetriebe zu ständiger Innovation und zu Aufmerksamkeit gegenüber den Besuchern gezwungen sind. Alles richtig.

Man nickt bedächtig. Gerade auch, wenn die Autoren starke Sätze formulieren wie: „Unter der Programmhoheit von ,Kultur für alle‘ fand in diesem Land – man verzeihe die militärische Metapher – eine systematische kulturelle Aufrüstung statt.“ Oder: „Die Freiheit der Kunst, eines der großen Projekte des 20. Jahrhunderts und die Antwort auf die Erfahrungen der Diktatur und des Kalten Krieges, hat die Kunst beliebig und die Künstler vom Staat abhängig werden lassen. Künstler können den Staat wie eine Krankenversicherung anrufen, wenn im Geldbeutel ein Loch klafft.“

Schon recht. Vor allem, weil sich das alles so erfrischend liest. Dem Neuen ist ja stets ein gewisser Zauber eigen. Und wie mutig die vier Kulturexperten sind. Schluss also mit der Gemütlichkeit und der Behaglichkeit im Subventionsbetrieb. Platz für Neues! Rein mit der frischen Luft. Warum auch nicht? Dass der frische Wind kühl ist, liegt in der Natur der Sache. Einerseits.

Andererseits. Worüber reden wir hier eigentlich? Über knapp zehn Milliarden Euro für die Kultur im Jahr. Über ein paar wenige Prozent der Landeshaushalte. Und über olle Kamellen. Denn die Vorschläge der Experten, was mit dem eingesparten Geld geschehen soll, sind so neu nicht. Kulturelle Bildung, klar, kein Problem. Aber Laienkultur? Oh je. Dann doch lieber alles so lassen, wie es ist. Denn eines lehrt die Beschäftigung mit Kultur in Form von Buch und Theater ja auch: dass Zweifel gut sind und dass Vorsicht vor forsch auftretenden Heilsversprechern meist ganz angemessen ist.



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