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Der Hamelner Jürgen C. Kruse ist Spezialist für die Geschichte des deutschen Kaiserreichs

Der 99-Tage-Kaiser

HAMELN. Am Ende war der Referent zufrieden. „In Einbeck hatte ich um die 60 Zuhörer“, so Jürgen C. Kruse, „für Hameln war der Besuch besser als erwartet.“ Über 30 historisch Interessierte hatten den Weg in den kleinen Vortragsraum der Bibliotheksgesellschaft in der Pfortmühle gefunden, um Kruses Ausführungen über den „Thronfolger im Wartestand“, den 99-Tage-Kaiser Friedrich III., zu hören.

veröffentlicht am 17.07.2018 um 18:57 Uhr
aktualisiert am 17.07.2018 um 19:50 Uhr

Jürgen C. Kruse referierte in der Pfortmühle. foto: eaw
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Autor

Ernst August Wolf Reporter

Kruse, der an Gymnasien in Berlin und Hameln unterrichtet hat, beschäftigt sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit der Geschichte des deutschen Kaiserreichs von der Reichsgründung 1871 bis zur Auflösung der Monarchie am Ende des Ersten Weltkrieges. Neben zahllosen Rezensionen hat Kruse, der dem Vorstand der Bibliotheksgesellschaft angehört, auch Ausstellungen gestaltet und Vorträge zu dieser Thematik verfasst.

In der Matinee am Sonntag gelang es Kruse, seine Zuhörer zum einen in die nicht unkomplizierten dynastischen Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse einzuführen, zum anderen die Dramatik des historischen Geschehens anschaulich und spannend darzustellen und damit zugleich eine Zeit auferstehen zu lassen, in der welt- und gesellschaftspolitische Entwicklungen äußerst eng mit wenigen handelnden Personen verknüpft waren.

1888, das sogenannte „Dreikaiserjahr“, markierte die Wende zwischen der Ära Wilhelms I., seit 1871 deutscher Kaiser, und dem Beginn des von 1888 bis in den Weltkrieg mündenden Zeitalter des „Wilhelminismus“. 1888, ein Jahr der Wende und des Herrschaftsintermezzos des an Kehlkopfkrebs gestorbenen Friedrichs III. Kruse: „Er war 56, als er auf den Thron kam, auf den er ein Leben lang hatte warten müssen, und konnte nur 99 Tage Kaiser sein.“

Den Zuhörern kam da wohl unwillkürlich der augenblickliche britische Thronfolger Charles in den Sinn. Der wird im November 70 und werde „wohl erst als Neunzigjähriger auf den Thron kommen“, schmunzelte Kruse.

Das Verhältnis zum ihm gegenüber weitgehend indifferenten Vater Wilhelm I., dessen Verhalten beim dramatischen Verlauf der schweren Erkrankung des Sohnes, der Charakter von dessen Verbindung zur im Januar 1858 geheirateten Prinzessin Viktoria, alles das spiegelte Kruse anhand unterschiedlichster Quellen.

So entstand, auch in der kritischen Auseinandersetzung mit einem Standardwerk zur Biografie Friedrich III., ein anschauliches, beeindruckendes, zugleich aber auch für heutige Mentalitäten fassbares Zeitgemälde.

Dass das Schicksal Friedrich III. die liberalen Hoffnungen des deutschen Bürgertums enttäuscht habe, versieht Kruse dabei mit einem kleinen Fragezeichen. Und auch die Rolle des ausschließlich am eigenen Machterhalt interessierten Reichskanzlers Otto von Bismarck bleibt nicht unkritisch betrachtet. Detailliert zeichnete Kruse nach, wie die schleichende Kaltstellung des 99-Tage-Kaisers vonstatten ging. Personen machen Geschichte, eine im ausgehenden 19. bis weit ins 20. Jahrhundert geltende Ansicht. Wie labil und fatal das sein kann, das zeigen auch gegenwärtige Vorgänge. Neben der Dramatik des historischen Geschehens ein vielleicht ungewollter aktueller Bezug.



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