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Grafiker Klaus Staeck will auch mit 80 nicht Altersmilde werden

„Demokratie kommt nicht aus der Steckdose“

BERLIN. „Nichts ist erledigt!“ Das war zeitlebens das Motto von Klaus Staeck. Und auch zu seinem 80. Geburtstag will Deutschlands Politkünstler Nummer eins nicht zurückstecken. „Die Altersmilde mag sich nicht einstellen, dafür wächst der Zorn über die Verhältnisse“, sagt er – und prangert Fehler der Mächtigen genauso an wie die „Schafsgeduld“ von Bürgern.

veröffentlicht am 27.02.2018 um 16:09 Uhr

Klaus Staeck hat mit seinen Plakaten regelmäßig für Aufsehen gesorgt. Auch mit 80 will er nicht Ruhe geben. Foto: dpa

Autor:

Nada Weigelt

Klaus Staeck ist Rechtsanwalt, Grafiker und Berufsprovokateur. In den 70er Jahren pflasterten Jugendliche ihre Kinderzimmer mit Postern wie „Deutsche Arbeiter, die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!“ oder „Die Reichen müssen reicher werden. Deshalb CDU“. Die Eltern waren entsetzt. Aber der Heidelberger Plakatkünstler traf mit spitzem Stift den Nerv der Zeit.

Das renommierte Museum Folkwang in Essen zeigt zum 80. Geburtstag eine große Retrospektive seiner Plakatkunst. Unter dem Titel „Sand fürs Getriebe“ sind noch bis zum 8. April rund 180 Poster aus den Jahren 1971 bis 2017 zu sehen, viele zu Umweltschutz und Verstößen gegen die Meinungsfreiheit. „Ich hoffe, dass ich noch einige Menschen anstiften kann, die Freiheit zu verteidigen“, sagt er in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Demokratie kommt nicht aus der Steckdose.“ Einige seiner Arbeiten wurden zum „geflügelten Bild“, viele Themen sind bis heute brandaktuell. So startete der ausgebildete Jurist seine erste Posteraktion 1971 zu einem Kongress des Haus- und Grundbesitzervereins in Nürnberg. Unter ein Bild von Albrecht Dürers hilfsbedürftiger Mutter schrieb er: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“

Später war für den bekennenden Sozialdemokraten die Union ein beliebter Gegner. Den langjährigen CSU-Chef Franz Josef Strauß bildete er mit einer fingierten „Bild“-Schlagzeile ab: „Juso beißt wehrloses Kind.“ Und gegen die Rüstungsindustrie wetterte er: „Alle reden vom Frieden. Wir nicht.“ Allein dieses Poster trug ihm sechs der mehr als 40 Prozesse gegen seine Arbeit ein, die er allerdings durchweg gewann. „Wie Heinrich Böll sagte: Satire ist kein Himbeerwasser“, so Staeck. „Ich habe den Kampf um die Meinungsfreiheit zu meinem Beruf gemacht. Sie ist eines der höchsten Güter der Demokratie.“

Diese Lehre hat er aus seiner Jugendzeit unter der DDR-Diktatur gezogen. 1938 in Pulsnitz bei Dresden geboren und kleinbürgerlich in Bitterfeld aufgewachsen, flüchtete er mit 18 auf eigene Faust in den Westen. Er studiert Jura, erwirbt die Zulassung als Rechtsanwalt und findet über seine geistigen Ziehväter Heinrich Böll und Joseph Beuys zu der besonderen Mischung von Kunst und Politik, die für ihn kennzeichnend wird. Als er 2006, schon im Rentenalter, in das Amt des Berliner Akademiepräsidenten gewählt wird, herrscht allseits Überraschung. Doch selbst Menschen, die ihm politisch nicht nahestehen, attestieren ihm zum Abschied 2015, der Institution mit ihrem 19-Millionen-Etat, den 170 Mitarbeitern und mehr als 1000 Künstler-Nachlässen wieder Ansehen verschafft zu haben. Er wird zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Seither ist Heidelberg wieder der Lebensmittelpunkt. Mit seiner Frau, einer Liebe aus dem Studentenheim, ist der Künstler gefühlt „schon immer“ verheiratet. Die von ihm gegründete Edition Staeck, einen der wichtigsten Verlage für Kunstbücher in Deutschland, führt inzwischen sein Bruder.

„Ich blicke auf ein ganz reiches Leben zurück“, sagt er - und hört für einen Moment mal auf zu kämpfen. „Meine letzte Postkarte soll lauten: Misstraut meinen Nachrufen!“



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