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Roger Willemsen gastierte mit „Bangkok Noir“ und Ralf Tootens Fotografien im Hamelner Theater

Das Nachtbild als Parforce-Ritt in Lyrismen

Hameln. Auch wenn Hameln dadurch nicht gleich zu einem „Klein Paris“ wird – immerhin: Es bildet seine Leute. Dienstag Sabine Meyer mit Spohrs Klarinettenkonzert im Theater, einen Tag später – nicht ganz so ausverkauft – Roger Willemsen mit seinem Reiseführer der besonderen Art, dem literarischen Nachtbild „Bangkok Noir“. Und Willemsen hatte Ralf Tooten mitgebracht, der ihn drei Monate lang jeweils von 18 Uhr bis zum Morgengrauen mit der Kamera begleitete und beeindruckende Fotos schuf.

veröffentlicht am 01.10.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 19:21 Uhr

Eine Art Endlos-Poesie: Roger Willemsen textet und zeigt Ralf To

Autor:

Richard Peter
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Vorsorglich von Willemsen nicht nur „dramatische Hamelner Nächte“ apostrophiert – seine Stimmungen aus Bangkok seien kein Projekt mit Fotos zum Text, oder umgekehrt, Text zu Fotos. Keine Bebilderung also, eher Schnittlinie zwischen den Medien.

Leere Bühne, zentral eine Leinwand für die Bild-Projektionen, rechts am Bühnenrand ein schwarz umhüllter Tisch mit Laptop, Lampe und Mikro. Willemsen bedient sich einer Art Endlos-Poesie, die alles gleichermaßen einlullt, übergießt. Eineinhalb Stunden wunderschöne, bewundernswert formulierte Texte, die das Monumentale, das Elend, die Mädchen, die Elefanten, Kickboxer und Suppenküchen in eine Art Rilkesches „Reitet, reitet, reitet...“ hüllen.

Wortverliebt, fast formulierungswütig

Willemsen erweist sich wie schon in seiner „Deutschlandreise“ als wortverliebt – fast formulierungswütig. „Der Mond bellt den Abend an“ – aber vielleicht auch nur ein Versprecher. Da ist die noch „halbstarke Nacht“, in der sich „alle voneinander ernähren“. Furiose Bilder von einem Großfeuer – und ein „Boot wie eine Natter“ im Wasser. Ein Gassengeburtstag und „Das alte Bangkok, das Verlorene“, ärmliche Märkte am Stadtrand. Bikini-Mädchen, die sich in Bottiche versenken lassen – Jahrmarkt-Monstrositäten und „Rohbauten in Lumpen“. Obsession Essen und Geruchsorgien. Ein Penisschrein und Monsunregen, Überschwemmungen. Das Elend der Elefanten, für die kein Platz mehr ist, und Kickboxer, die „schlagen, treten, zerstören“.

Ein Parforce-Ritt in Lyrismen, den Willemsen bietet, und ein Mädchen, das ihm Mozart-Arien ins Ohr singt. Grillierte Insekten. Eine Bar mit Panoramablick und eine eher untypische Thai-Massage hinter ochsenblutroter Tür – ein Fünf-Stunden-Spektakel – und: „Was bleibt von einer Nacht? Blicke.“

„Mich setzen die Reisen der Fremde aus“, sagte Willemsen in einem Interview. Und dennoch schrieb ein Kritiker, der den Text „einfach nur geschmacklos“ findet: „Willemsen bedient die Klischees des Westens.“ Und ein anderer konstatiert: „strapaziös“. Und die Frage bleibt: Habe ich jetzt einen Eindruck, einen Begriff von Bangkok? Vielleicht über die Bilder – Willemsens „Kaleidoskop an Schattierungen“ sind austauschbar, ließen sich vermutlich auf New York und alle Metropolen dieser Welt beziehen. Das kommt davon, wenn man über „eine Stadt wie ein Poet spricht“.

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