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Lesung im Theater-Foyer: Thomas Manns „Der Tod in Venedig“

Das Lächeln des Narziß

HAMELN. Sie galt ihm immer als eines seiner Hauptwerke, die so vielschichtige Novelle „Der Tod in Venedig“, an der Thomas Mann ein Jahr lang arbeitete. Von seiner Frau Katja wissen wir, wie stark dieses Meisterwerk autobiografisch geprägt ist. Was Mann vorschwebte: eine Art „Tragödie des Meistertums“.

veröffentlicht am 07.06.2019 um 15:44 Uhr

Nach der Lesung folgt die Oper: Am 14. Juni wird Benjamin Brittens „Tod in Venedig“ im Theater Hameln aufgeführt. Foto: Falk von Traubenberg/pr
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Autor

Richard Peter Reporter

Eine raffiniert gebaute Untergangsgeschichte, in der sich das Apollinische und Dionysische gegenüberstehen – sich immer wieder auch vermischen. Es geht um den Künstler, die Leiden des vereinsamten Schriftstellers und den Einbruch der Leidenschaft in eine scheinbar gesicherte Existenz.

Heute nur noch schwer zu akzeptieren oder auch nur zu verstehen: Gustav Aschenbachs homoerotische Beziehung zu dem polnischen Knaben Tadzio. Was die Griechen Paiderastia nannten und mit Knabenliebe nur unzureichend beschrieben ist. Es ist die Sehnsucht nach dem Schönen. Thomas Mann sieht in Tadzio die Inkarnation des „Dornausziehers“ – der als Bronze-Replik auf seinem Schreibtisch stand.

Wolfgang Haendeler, der zusammen mit Jürgen Schoormann am Donnerstagabend die Mann-Novelle im Theater-Foyer las – auch weil Brittens Oper „Tod in Venedig“ am 14. Juni mit den Hildesheimern auf unserer Bühne zu sehen ist – hat die Geschichte, erfahrener Dramaturg der er ist, auf ein Drittel gekürzt, um sie an einem Abend seinem Publikum zugänglich zu machen. Und so vor allem auf den äußeren Ablauf beschränkt.

Während eines Spaziergangs in Münchens „Englischem Garten“ überfiel den gefeierten Schriftsteller Gustav von Aschenbach – der auch an Goethe erinnert und in seinem Aussehen an Gustav Mahler, sodass dessen Adagietto aus der 5. Sinfonie in der Visconti-Verfilmung zusätzlichen Sinn erhält – „der Drang hinweg vom Werke“.

Sein Ziel: ein „Allerweltsferienplatz im liebenswürdgen Süden“. Das Kapitel, in dem es um „Geist und Kunst“ geht – eine Art Essay innerhalb der im Übrigen fünfteilgen Novelle – findet sich Aschenbach auf einer kleinen Insel vor Istrien, die er überstürzt wieder verlässt um an Venedigs Lido in einem Strandhotel Logis zu nehmen. Dort sieht er den „langhaarigen Knaben von vielleicht vierzehn Jahren“, den er überwältigt als „vollkommen schön“ empfindet.

Aschenbach orientiert sich an griechischen Vorbildern – erinnert Sokrates und seinen Knaben Phaidros – und spricht vom „Lächeln des Narziß“. Eine sehr andere, eigenwillige Form der Liebe, die dennoch in einem sich selbst gestandenen „Ich liebe dich“ mündet. Und immer wieder bekannt: „Er war schöner, als es sich sagen lässt“.

Nach einer überstürzten Abreise aus Venedig – „die schmeichlerische und verdächtige Schöne“– die scheitert, weil sein Gepäck bereits in falscher Richtung unterwegs war. Wochen, in denen er es genoss, Tadzio am Strand beim Spiel zu beobachten – ihm und seiner Familie nach Venedig zu folgen, nur um ihm nah zu sein.

Dann bricht in der Lagunen-Stadt die „indische Cholera“ aus – Aschenbach infiziert sich an Erdberen – sieht am Strand den geliebten Knaben – , mit dem er nie auch nur ein Wort gesprochen, ihn erst recht nie berührt hatte – wie er „vorausschwebe ins Verheißungsvoll-Ungeheure“. Es ist das letzte Bild, das Aschenbach aus dieser Welt mitnimmt.

Auch wenn den notwendigen Kürzungen einiges zum Opfer fiel, was den eigentlichen Reiz dieser Novelle ausmacht, Parallelen beispielsweise, wenn sich der Schriftsteller vor einem auf jung geschminkten Alten ekelt – aber zuletzt selbst an seinem Alter leidet, sich um das „Lächelns des Narziß“ selbst zu verjüngen sucht. Auch der Auftritt der Bänkelsänger und Komödianten – ein satirischer Einschub vor dem tragischen Ende.

Gekonnt die jeweiligen Ablösungen der Textpassagen. Erstaunlich, dass die Lesung dem Werk fast besser bekommt als dem Selbstlesen, das die Mann’sche Diktion und verschlungene Konstruktion seiner Sätze oft so schwierig macht. Mit Spannung zu erwarten: Brittens eher selten gespielte Oper, die man bei der aktuellen Qualität des Theaters für Niedersachsen nicht versäumen sollte.



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