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„Soul Kitchen“ nach dem Akin-Film auf der Bühne – die Detmolder reizen, provozieren, überfordern

Das Kneipen-Märchen

HAMELN. „Ey Fuck! Scheiße!“ – womit das Vokabular vorgegeben war. Und die Kneipe „Soul Kitchen“ – mit nicht ganz so seelenvollem Toast Hawaii und Bulletten auf der Karte – als Heimat für Heimatlose vorgegeben, als vertrauter Ort zum Abtauchen. Was fehlt: die Heimatlosen, die Zinos Kneipe dazu machen könnten.

veröffentlicht am 10.06.2018 um 16:49 Uhr

Soulkitchen. Foto: Jochen Quast
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Richard Peter Reporter
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Einzig Sokrates, der eigentlich Diogenes in der Tonne sein müsste, der mit Zitaten von Nietzsche bis Mutti Merkel nervt und Arbeit grundsätzlich als Zumutung empfindet. Zwei Angestellte in der Bruchbude, Lucia, eine desillusionierte Designerin im Kampfanzug und Lutz, der stotternde Heimmusiker, der manchmal kellnert und zusätzlich für seine Band einen Übungsraum sucht. Zwei Überraschungsgäste: Zinos Brüderchen Illias, vorübergehend auf gitterlosem Freigang und Neumann, Immobilien-Hai im Taschenformat, alter Schulkumpel, der die Kneipe kaufen möchte. Mittlerweile ist der Inhalt einer Kiste Bier über den Tresen gegangen, ohne dass auch nur ein müder Euro den Weg zurückgefunden hätte.

Und da ist auch noch Nadine, in die Zinos unsterblich und ziemlich sexorientiert verliebt ist, die es aber karrieremäßig ins ferne Shanghai zieht. Eine Skype-Beziehung der eher deprimierenden Art. Dazu Zinos Bandscheibe, die als erste nicht mehr mitspielen will, ausbricht – wie alles in diesem Kneipen-Märchen, das am Freitagabend nachgeholt wurde, weil es am 2. März Opfer der Grippe-Welle geworden war. Zinos in der Scheiße, um im Jargon zu bleiben, auch wenn ein begabter Koch die versiffte Küche übernimmt. Seiner Kochkunst erliegen nicht nur Lucia und Illias, die übereinander herfallen – auch die zickige Dame vom Finanzamt, die es spontan mit Neumann treibt, der, ziemlich originales Zitat, mit ihr das Finanzamt fickt und umgekehrt vom Amt gefickt wird, wie er später nonchalant hinter Gittern kolportiert.

Die Misere läuft und läuft. Zinos, schwanzgesteuert unterwegs nach Shanghai – Illias verzockt mittlerweile als Geschäftsführer die Kneipe an Neumann – trifft seine Nadine bereits am heimatlichen Flughafen, weil deren Oma überraschend das Zeitliche gesegnet hat, aber ihrer Enkelin ein kleines Vermögen hinterlassen hat. Punktgenau die Summe, für die „Soul Kitchen“ zurückersteigert wird. Neustart – und wenn sie nicht gestorben sind, sitzen sie noch immer am Tresen.

Was den Erfolg ausmacht – ausmachen muss, weil es sonst nichts anderes gibt: Ein sympathisches Ensemble, das sich in dieses Kneipen-Märchen wirft – es gnadenlos bespielt. Adrian Thomser als Zinos, eine Art Donald Duck der Kneipenszene mit seiner Nadine alias Jorida Sorra. Selten ein Pärchen, das sich zwischen zwei Küssen oder auch nur Sätzen so eruptiv anbrüllt. Hubert Brandt als Illias, ein stinkfauler Sonny-Boy, der für alles eine Entschuldigung findet. Hartmut Jonas als zugegeben extrem nerviger Neumann, nicht nur mit seinen spontanen Lach-Kaskaden – ganz im Gegensatz zu Markus Hottgenroth als stotterndem Lutz, dem mit seiner imaginären Frau alles zu verzeihen ist und Lucia, Kathrin Berg, die aus ihrer Kampfanzug-Figur eine sensibel-zerbrechliche macht. Jürgen Roth als Kochkünstler, Henry Klinder als Sokrates und Nicola Schubert als Frau Schuster vom Finanzamt, die ihr Carpaccio gerne warm hätte. Vor der Pause darf auch noch Publikum als Gäste mit auf die Bühne.

Dazu ein Trio und fast jeder vom Ensemble darf mal ans Mikro und das ziemlich professionell in dieser Inszenierung von Sarah Kohrs. Wurden vor langer, langer Zeit noch aus Theaterstücken Filme, sind es heute Filme, die aufs Theater drängen – und weiterhin zu vermuten: „Dieser Weg wird ein schwerer sein“. Manchmal auch fürs Publikum.



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