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Das grandiose Fest der Bonsai-Gitarren

Von Martin Jedicke

Hameln. Nein, mit hawaiianischer Musik hat das Ukulele Orchestra of Great Britain wenig am Hut, auch wenn der Konzertauftakt am Sonntagabend im ausverkauften Theater Hameln das Genre streift. Die Ukes, wie sie von ihren Fans genannt werden, stromern entspannt durch die Musikgeschichte und nehmen mit, was sie am Wegesrand auflesen. E- oder U-Musik – solche Kriterien kennen sie nicht. Gecovert wird, was gefällt. Acht Ukulelen, acht Sänger, acht Stimmlagen.

veröffentlicht am 01.03.2010 um 16:31 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 06:21 Uhr

ukulele
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Abwechselnd stehen sie im Mittelpunkt, und fast jeder Song hat seine eigene Geschichte. Saint-Säens „Danse Macabre“ stamme eigentlich von dem irischen Komponisten Saint Shawn. „Shaft“ gehe auf den englischen Volksliedsammler Cecil Shaft zurück. Und trotzdem klingen die Ukes hier fast funkig, urkomisch mit George Hinchliffes bedeutungsschwangerem Sprechgesang. Witzige Zitate, wenn David Suich zur Miniukulele die Arme windmühlenflügelartig wie Pete Townsend kreisen lässt oder zu „Smells Like Teen Spirit“ das Langhaar ekstatisch schüttelt. Das an sich doofe „Teenage Dirtbag“ reift dank Hester Goodmans warmer Stimme zu einem hübschen Popsong. Talking Heads’ „Psycho Killer“ singt Will Grove-White herrlich überdreht, Kitty Lux präsentiert mit ihrer Witwe-Bolte-Schleife auf dem Kopf Grace Jones’ „Slave To The Rhythm“, das genauso groovt wie „I Heard It Through The Grapevine“. Und der Sex-Pistols-Skandalsong „Anarchy In The UK“ mutiert vom Punk zum Folk. Disco, Rock’n’Roll oder Klassik – alles funktioniert bei den Ukes. Dabei, so Hinchliffe, sei der Blues die passendste Stilrichtung, sei doch die Ukulele so schwer zu stimmen, dass deren Spieler ständig von Depressionen heimgesucht würden – um anschließend durch den fröhlich swingenden „Limehouse Blues“ zu swingen.
Einer der Höhepunkte nach der Pause: Morricones „The Good, The Bad And The Ugly“ mit Pfeifen und Uh-Ahs. Jubel auch, als sich sechs Ukes gleichzeitig auf derselben Ukulele versuchen. Grandios sind die Briten, wenn sie unterschiedliche Stücke miteinander verknüpfen. Jonty Bankes, seit achtzehneinhalb Jahren das „neue Gesicht“ der ein Vierteljahrhundert alten Band, beginnt mit Bowies „Life On Mars“, das sich zu einer Melange weiterer Lieder entwickelt, die ein verwandtes Akkordschema zusammenhält. Gleiches gelingt, wenn Hinchliffe in der letzten Zugabe Händel spielen möchte, Peter Brooke-Turner aber auf Sinatra besteht, und alle anderen Ukes ebenfalls einen Song einbringen. Doch, oh Wunder, kein klangliches Tohuwabohu, sondern ein Ineinander mehrstimmiger Gesangslinien und Ukulelenklänge. Stehende Ovationen beim Fest der Bonsai-Gitarre.



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