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In ihrem historischen Roman geht Bettina Szrama der Geschichte des verwilderten Jungen nach, den man einst bei Hameln fand

Das Geheimnis des „wilden Peter“

Hameln. 1724 wurde in Hameln ein verwilderter Junge aufgegriffen, nackt, der biss und knurrte wie ein Tier. Als „wilder Peter von Hameln“ sorgte der Zwölfjährige, der keinen verständlichen Laut artikulieren konnte, in ganz Europa für Aufsehen. Georg I. holte ihn an den englischen Hof. Die Schriftstellerin Bettina Szrama hat jetzt ein Buch über das „Wolfskind“ aus Hameln geschrieben und wird daraus am kommenden Dienstag in der Pfortmühle lesen.

veröffentlicht am 19.09.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:53 Uhr

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Die Geschichte vom wilden Peter bewegte Europa auch, weil er ein Geheimnis hatte: Offensichtlich verwildert, trug er doch einen Fetzen mit eingesticktem Wappen um den Hals. Wohl deshalb zeigten auch ein englischer Lord und eine hannoversche Prinzessin auffälliges Interesse für den Wilden. Szrama hat in Archiven und Büchereien geforscht und sich Zeitungsausschnitte aus dem 18. Jahrhundert in Kopien besorgt: „Ja, auch damals gab es eine Klatschpresse, die sich in wilden Spekulationen darüber erging, woher der Junge stammen könnte“. Sogar Robert Louis Stevenson, der berühmte Autor von „Schatzinsel“ habe sich mit dem Hamelner Peter befasst. Sie habe gestaunt, dass bisher noch niemand aus der Geschichte einen Roman gemacht habe. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Kaspar Hauser, der in der Biedermeierzeit 1828 in Nürnberg auftauchte, später das Interesse auf sich gezogen hat und den wilden Peter von Hameln vergessen ließ.

Der wilde Peter wurde zunächst zum kurfürstlichen Hof nach Hannover gebracht, wo man den Knaben auch Georg Ludwig, George I. von England, vorführte. Wenige Monate später war er am englischen Königshof. Peters Zeit in Hameln sei exakt recherchiert, sagt Szrama. In England werde die Sache gewagter, entwickele sich eine eigene Geschichte. Doch der Roman solle eben auch unterhalten. Ausgedacht seien die Intrigen am Hof und die Hauptfigur des Kommissar Aristide Burchardy, der in der mysteriösen Angelegenheit ermittelt. Wahr sei, dass König Georg „sehr kinderlieb gewesen ist und echtes Interesse an der Entwicklung des Kindes hatte.“

Peter wurde zum Zeitpunkt seiner Entdeckung auf zwölf Jahre geschätzt. Wie später Kaspar Hauser galt er als Wolfskind. Der Naturforscher Carl von Linné beschrieb Peter und ähnliche Fälle sogar als einen anderen Untertypus von Mensch, den Homo ferus – eine grobe Fehleinschätzung. Aus Peters Leben, der über 70 Jahre alt wurde, ist vieles überliefert. Nach seiner Zeit am Hof verbrachte er viele Jahre in der Obhut einer Familie auf einem Landgut in Herfordshire. Er soll Musik geliebt haben. Sprechen lernte er zeitlebens nicht. Als ungeklärt gilt bisher, womit sich Peters Zustand erklären lässt. Das Grab ist in Northchurch zu finden, auf dem Friedhof der Kirche St Mary’s.

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„Das wilde Kind von Hameln“ 320 Seiten, acabus Verlag, 13,90 Euro

Lesung: Dienstag, 22. September, 19 Uhr, Stadtbücherei Pfortmühle.

Bettina Szrama, geboren in Meißen, ist diplomierte Agraringenieurin und Absolventin der Axel Andersson Akademie in Hamburg. Sie arbeitete für Regionalzeitungen und Tierzeitschriften, Sachbücher. Seit 1994 widmet sie sich verstärkt belletristischen Aktivitäten. Ihre Vorliebe gilt historischen Romanen. Den größten Erfolg hatte sie mit ihrem 2009 erschienenen Roman „Die Giftmischerin“. „Das wilde Kind von Hameln“ ist im August dieses Jahres erschienen.

Bis heute gilt als ungeklärt gilt, womit sich Peters Zustand erklären lässt.

Buchcover

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