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„Bilder im Kopf – Ikonen der Zeitgeschichte“ heißt die neue Ausstellung im Historischen Museum

Das Fotoalbum geschichtsträchtiger Momente

Hannover. Es gibt mehr davon, als man glaubt. Der entführte Hanns Martin Schleyer. Joschka Fischer in Turnschuhen. Josef Ackermann mit Victory-Fingern. All diese Fotos sind Schlüsselbilder. Ankerpunkte unserer kollektiven Erinnerung. Sie ragen heraus aus der Flut der Bilder. Sie pointieren ein komplexes Geschehen und verdichten eine Epoche auf einen Augenblick. Und es gibt kaum ein historisches Ereignis von Rang, zu dem es nicht eine solche Ikone gäbe.

veröffentlicht am 26.01.2012 um 16:03 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 18:41 Uhr

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Autor:

Simon Benne
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Eine Ikone ist ein Gedächtnisbild, das semiotisch die Stelle des Originals einnimmt. Sie steht nicht nur für etwas, sondern in ihr ist etwas aufgehoben. Ein eigener Geist. Im Historischen Museum geht es in der sehenswerten Ausstellung „Bilder im Kopf“ um solche Aufnahmen. Die Schau, konzipiert vom Bonner Haus der Geschichte, fragt, wie ein Foto zur Ikone wird. Dazu muss ein Bild erst einmal fotografisch gut sein. Dramatisch, emotional, mit eingängiger Bildsprache. Doch das sind nur notwendige, keine hinreichenden Bedingungen. Jemand muss das Bild erschaffen – und jemand muss dafür sorgen, dass es massenhaft verbreitet wird, wenn es zur Ikone werden soll.

„Ikonen sind vor allem Konstrukte“, sagt Kurator Jürgen Reiche. „Sie bilden nicht Wirklichkeit ab, sondern konstruierte Wirklichkeit.“ Mehr noch: Sie konstruieren Wirklichkeit, denn sie prägen ja unser Bild von der Realität. Da sind zum Beispiel die Flaggen. Flaggen über Flaggen sind auf Fotos in der Ausstellung zu sehen. Amundsens norwegische Flagge 1911 am Südpol. Die sowjetische Flagge 1945 über dem Berliner Reichstag. Die amerikanische Flagge auf der Pazifikinsel Iwo Jima und auf dem Mond. Lauter gestellte Fotos, absichtsvoll verbreitet von interessierter Seite.

Teils werden mit solchen Bildern Schlachten geschlagen. Im Sommer 1961 gelang Peter Leibing der Schnappschuss des DDR-Bereitschaftspolizisten, der über den Stacheldraht in die Freiheit springt. Ein Mann, der für einen Sekundenbruchteil über der Systemgrenze schwebt. Ein Mann in einer Situation, in der es nur Entweder-oder gibt. Das Bild entlarvte die Propaganda vom „antifaschistischen Schutzwall“ als Märchen. Am Tag darauf verbreiteten DDR-Propagandisten Fotos von „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, sympathischen jungen Männern, die vorm Brandenburger Tor stehen. Eine menschliche Mauer.

4 Bilder

Nicht jede Ikone wird als Ikone geplant, nicht immer ist die Wirkung eines Bildes berechenbar. Von einem „Pictural Turn“ spricht Kurator Reiche für die sechziger Jahre, einem „Bilderumschwung“. Der Vietnamkrieg war ein Medienereignis, ebenso wie die Mondlandung: Immer stärker bestimmen Bilder unser Denken und Handeln. Sie sind oft wichtiger als Worte. Doch während wir es gewohnt sind, verbale Botschaften zu hinterfragen, halten wir Fotos oft noch immer für unbestechlich. In einer Zeit, da die Sprachkompetenz schwindet und die Bilderflut wächst, sensibilisiert diese Ausstellung für die Macht der Bilder.

An ihrem Ende steht eine Aufnahme, die bekannt ist, es aber nicht zur Ikone brachte. Pressefotograf Thomas Hoepker nahm am 11. September 2001 in New York junge Leute auf, die scheinbar gleichgültig aufs brennende Manhattan schauen. Das Bild ist eine Gegenikone zu den rauchenden Twin Towers. Man kann darauf Menschen erkennen, die reflektieren. Sie gehen nicht den Terroristen in die Falle, die den Anschlag als monströses Medienereignis inszeniert haben. In einem Krieg, der nicht mehr mit Bildern geführt wird – sondern um Bilder.

Die Ausstellung ist zu sehen bis 22. Juli im Historischen Museum Hannover, Pferdestraße 6: dienstags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs bis freitags von 10 bis 17 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Ikonen im Kopf: die Räumung des Warschauer Gettos 1943, die Flucht des DDR-Bereitschaftspolizisten Conrad Schumann in den Westen 1961, die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF 1977 und die Versorgung Berlins durch „Rosinenbomber“ während der Blockade 1948. Fotos: HMH, Archiv (4)



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