weather-image
18°
„Besser Arm ab als arm dran“ in der Sumpfblume

Comedian Martin Fromme: „Ich wäre auch lieber schwul“

HAMELN. Bringen wir’s hinter uns, ihr seht ja an meinem Körper, der eigentlich ganz toll aussieht, das ich eine Behinderung habe. Ja, ich wäre auch lieber schwul, aber ich bin leider Brillenträger. So stimmte der einarmige, Contergan geschädigte Comedian Martin Fromme das leider sehr spärliche Publikum in der Sumpfblume auf einen wirklich kurzweiligen Abend mit dem Kernthema Behinderung und Inklusion ein.

veröffentlicht am 14.09.2018 um 13:45 Uhr

Comedian Martin Fromme geht ganz offensiv mit seiner Behinderung um. Foto: hx

Autor:

Peter Höxter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Er fühlt sich als Behinderter nicht allein im Saal und freut sich, dass viele Angehörige sich so liebevoll um die weiteren anwesenden Brillenträger kümmern und ihnen einen Ausflug ermöglicht haben. Doch im Verlauf des Abends wird es konkreter. Er erklärt unter anderem den Verlust seines Unterarmes: „Das ist eine wertvolle Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge, die ich Weihnachten dann auch als Stumpenkerze verwenden kann“.

Ja, der aus Wanne-Eickel, dem „Guantanamo des Ruhrgebiets“, stammende Künstler nimmt sich selber in der Mischung aus Stand-Up-Comedy, Lesung, Video und Musik nicht aus. „Es gibt kaum Behinderte, die auf die Bühne gehen und so wie ich damit umgehen. Da dachte ich mir, ich fange einfach an“, erklärt er im Dewezet-Gespräch. Er ist bereits seit fünf Jahren mit seinen Soloprogrammen wie derzeit „Besser Arm ab als arm dran“ unterwegs – und hat so seine Erfahrungen gemacht: „Ich ecke bei Behinderten eigentlich nie an. Es sind eher die Nichtbehinderten, die meinen, man solle das nicht machen.“

Ich ecke bei Behinderten eigentlich nie an. Es sind eher die Nichtbehinderten, die meinen, man solle das nicht machen.

Martin Fromme, Comedian

Man sage ihm bisweilen nach, dass er schon mal an der Gürtellinie schrappe, aber es komme ja auch drauf an, wo der Gürtel sitzt. „Das Publikum erkennt in der Regel, dass man über die Thematik auch lachen kann, ohne sie ins Lächerliche zu ziehen“, so der Comedian. Wie bei den Wortspielen wenn man zum Blinden sage: „Sieh doch nicht alles so schwarz“, oder dass Wolfgang Schäuble seinerzeit, wäre er Kanzler geworden, auch Nachteile gehabt hätte: „Er hätte nicht zurücktreten können“.

So macht er einen Gang durch alle Facetten der Behinderungen, unterlegt mit Bildern aus dem Alltag. Beispielsweise einem Behindertenparkplatz, dessen Mitte eine Laterne ziert, oder einem WC, dessen Tür erst einen Meter über dem Boden beginnt.

Er selbst möchte noch eine Karriere bei der Bundeswehr machen, Inklusion sei ja von Ursula von der Leyen gewollt. Bei Behinderten ist inzwischen sprachlich alles „speziell“, wie bei den „Special Olympics“. Nun habe er einen Bericht über die Spezialeinheiten der Bundeswehr gesehen, das sei bestimmt die für Behinderte vorgesehene Truppe. Der Umgang untereinander ist nicht einfach, allein die Anrede schwierig. Darf man zum Rollstuhlfahrer überhaupt „wie geht’s“ oder zum Blinden „schön, dich zu sehen“ sagen? Man kommt als Zuschauer nicht nur zum Schmunzeln, sondern auch zum Nachdenken. Und genau das ist die Absicht des Künstlers. Er möchte das Thema Behinderung entzaubern, ihm das Beklemmende nehmen. Auch im Privaten. „Ich habe einen Riesenerfolg bei den Frauen, wenn sie mich mit meinem einen Arm sehen, denken sie: Endlich ein Mann, der nicht so klammert.“ Geld habe er jedenfalls genug, schließlich sei er mit seinem Armstumpf der Erfinder der chinesischen Winkekatze. Aber so ganz geschmeidig bleibt es dann doch nicht, es geht auch heftiger: „Was steht hinten auf dem Rollstuhl eines Mohammedaners? Is’ lahm!“ Und politisch wird es beim Brief an Frau Merkel: „Sie engagieren sich gegen „Arm im Alter“, dabei habe ich mich so sehr auf einen Arm im Alter gefreut.“ Die Piratenpartei habe ihm wenigstens einen Enterhaken in Aussicht gestellt. Und mit einem Exkurs auf den Arbeitsmarkt, auf dem es ja lediglich Mini-Jobs für Kleinwüchsige gäbe, verabschiedete der Künstler die leider viel zu wenigen Zuschauer aus einem Abend, der den Umgang mit Behinderungen entkrampfte, zum Nachdenken anregte und dennoch sehr kurzweilig und amüsant war.

Und am Ende rückt er doch mit der Wahrheit zu seinem Arm heraus: „In Wirklichkeit habe ich den Arm im Nonneninternat verloren, weil ich mit Links geschrieben habe.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare