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Aber nur wenige Besucher im „Sumpf“

Chin Meyer: Fetzig, schnell und bissig

HAMELN. „Von Anfang an brillierte der Künstler mit feingeistigen Pointen und messerscharfem Schliff. Der Saal wurde teilweise derart von Lachsalven erschüttert, dass die Veranstalter um die Statik des Gebäudes fürchteten.“ So die Selbsteinschätzung des Kabarettisten Chin Meyer, die er dem Kommentator der Dewezet gleich nach der Pause in seiner Rezension zu verwenden empfahl.

veröffentlicht am 08.06.2017 um 14:08 Uhr
aktualisiert am 08.06.2017 um 19:40 Uhr

hin Meyer über Steuerhinterzieher: „Insgeheim möchtet ihr nicht mehr nach Liechtenstein.“ Foto: wft
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Autor

Wolfhard F. Truchseß Reporter
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Immerhin, die Pointen flogen dem Publikum in der bei Weitem nicht ausverkauften Sumpfblume im Sekundentakt um die Ohren, auch wenn sie durchaus nicht immer feingeistig waren, sondern hin und wieder auch derbe unterhalb der Gürtellinie lagen.

Ein ganz besonderer Abend aber war es für Matthias Madlehn aus Porta Westfalica, weil eine der Rollen, in die Chin Meyer schlüpft, der Steuerfahnder Siegmund von Treiber ist. „Ich hatte am Morgen noch den Steuerprüfer im Haus. Da haben seine Gags natürlich besonders gepasst.“ Lob für den rasanten und von viel Gelächter begleiteten Auftritt erhielt Chin Meyer auch von vielen anderen Besuchern seines Programms „Reichmacher – Reibach sich wer kann“: „Unterhaltsam, hintergründig, politisch, witzig, fetzig“ waren die Attribute, mit denen er in der Pause und nach seinem Auftritt beim Signieren seines Buches und seiner CD bedacht wurde.

Mal mit schwarzer Hornbrille und im Beamtenlook, dann wieder in Jeans und rötlichem Hemd – tobt Chin Meyer verbal über die Bühne, lässt sein Publikum teilhaben an der wundersamen Vermehrung von Reichtum, bis die systemrelevanten Großbanken auf Zypern zusammenbrechen. „Machen Sie sich keine Sorgen über die entstandenen Schulden“, beruhigt Meyer das Publikum, „die bezahlen erst Ihre Ururenkel. Und wenn es nach den Sorgen von Pegida geht, ist das dann sowieso eine syrische Angelegenheit.“

Bitterböse ist seine Behandlung der Thematik Terror. Der Islamische Staat sei doch in Deutschland mit „nur“ 14 Toten innerhalb von zehn Jahren – 14 zu viel wie Meyer sagt – erfolglos im Vergleich zu den Toten, die der Verkehr mit mehr als 40 000 in der selben Zeit gefordert habe. Sie hätten wohl mehr Erfolg, wenn sie in den ADAC eintreten und „freie Fahrt für freie Bürger“ fordern würden. „Da hätten sie mit Sicherheit eine höhere Trefferquote.“

Chin Meyer springt in seinem Auftritt blitzartig von Thema zu Thema, lässt dem Zuhörer kaum Zeit, auch nur über eine Pointe nachzudenken, zieht über die Rentner her, die das Erbe ihrer Kinder verprassen und beschimpft Passivraucher als Steuerhinterzieher, weil sie keine Tabaksteuer zahlen. Und natürlich bekommen Amazon, Apple, Starbucks und andere Konzerne auch ihr Fett weg. „Schwarzer Kaffee“ bei Starbucks – „das könnte schön steuerlich relevant sein“, meint der Steuerfahnder.

Und singen kann der Mann auch. Ob Elvis oder Tina Turner, Schnulze oder Opernarie – er bringt alles auf die Bühne mit seinen ganz eigenen bissigen Texten. Und glänzt am Ende mit einer besonderen Zugabe, einer Impro-Arie über Themen, die er sich vom Publikum über Hameln nennen lässt. Was darin vorkommt? Das Hochzeitshaus, die Überalterung, die Südumgehung, der Wiener Wald und eine Spanischlehrerin, die einmal nach Island möchte. Die Reaktion des Publikums: Riesige Begeisterung. Erstaunlich, dass 30 Besucher so laut Applaus spenden können.

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