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Orpheus von der Vogelweide

Bob Dylan zwischen Traditionspflege und Neuerfindung

HANNOVER. 2700 Konzertbesucher konnten sich glücklich schätzen den besten Bob Dylan seit Langem erlebt zu haben. Der Sänger zog seine Fans beim Konzert in der Swiss Life Hall in Hannover in den Bann.

veröffentlicht am 27.04.2017 um 16:55 Uhr

Keine klassisch-schöne Stimme, aber eine mit Charakter: Bob Dylan präsentierte sich in Hannover in bester Verfassung. Fotografiert werden durfte er dabei nicht. Illustration: fh/dpa
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Martin Jedicke Reporter
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Vor der Swiss Life Hall verteilen eifrige Evangelisten ein kleines Büchlein mit dem Titel „Revolution im Herzen. Ein Ex-68er begegnet dem echten Revolutionär“. Der sei selbstredend Jesus. Und passt zu Bob Dylan, der pünktlich um 20 Uhr ein weiteres Konzert seiner „Never Ending Tour“ beginnen wird. Dylan weiß um die Endlichkeit des Lebens, hat sich immer wieder mit religiösen Themen auseinandergesetzt. So auch auf „Tempest“, seiner letzten Platte mit eigenen Liedern, von denen er am Mittwochabend fünf spielt.

„Pay in Blood“ ist einer dieser düsteren Songs, die sich mit Schuld und Sünden eigenen wie gesellschaftspolitischen Handelns beschäftigen, gespickt mit alt- und neutestamentarischen Bezügen. Sie gehören zu den Höhepunkten des Abends, weil sie zugeschnitten sind auf Dylans famose Band. Charlie Sexton (Leadgitarre), Donnie Herron (Pedal-Steel-Gitarre, Mandoline, Geige), Stu Kimball (Rhythmusgitarre), Tony Garnier (Bass) und George Receli (Schlagzeug) kreieren seit Jahren eine Mischung aus Chicago-Blues, Country und Western-Swing. „Duquesne Whistle“ rumpelt fast fröhlich dahin, „Early Roman Kings“ marschiert zu einem Muddy-Waters-Blues-Riff voran, während das makabre „Soon After Midnight“ einen schwebenden Klang erhält, zu dem Dylan eher spricht als singt.

Doch Dylan hat inzwischen sogar Spaß am Croonen. 52 Songs aus dem Great American Songbook hat er in zwei Jahren aufgenommen, verteilt auf drei Alben, das letzte, „Triplicate“, als Dreifach-Edition. Wie Dylan das eigentlich totgespielte „Autumn Leaves“ wiederbelebt, welch Hollywood-Zauber „That Old Black Magic“ verströmt, wie beseelt sich „All or Nothing at All“ an die Seite von Frank Sinatra stellt: Es ist ein akustisches Schwelgen in längst vergangenen Zeiten, überführt in die Gegenwart, wie es visuell im Kino zuletzt „La La Land“ gelang. Auch hier ging es nicht um Perfektion beim Singen und Tanzen, sondern um ein Vordringen zur Seele, die sich im Vortrag spiegelt. Alte Rocker wie die abschließende Zugabe „Ballad of a Thin Man“, sonst Highlights, geraten dagegen eher lahm, weil sie konsequent dem aktuellen Klangkörper angepasst werden. Aber auf dem „Highway 61“ gilt ohnehin die übliche amerikanische Geschwindigkeitsbegrenzung.

Alt-68er-Folkies, denen Dylans Aufbruch vom Protestsong-Barden mit Klampfe und Mundharmonika zum rockenden Poeten missfiel, werden an diesem Abend sicher weniger Freude haben. Die obligatorische Zugabe „Blowin‘ in the Wind“ ist ganz wunderbar, aber bis zur Unkenntlichkeit umarrangiert, „Don’t Think Twice, It‘s All Right“ gehört noch zur Aufwärmphase, denn erst mit dem famosen Blues „Beyond Here Lies Nothing“ ist Dylan ganz bei Stimme. Keine klassisch-schöne Stimme, aber eine mit Charakter, wie bei einem Tom Waits oder einer Marianne Faithfull.

Die Bühne, mit sieben großen Scheinwerfern und ein paar Filmset-Leuchten in fahles Licht getaucht, zeigt Dylan überwiegend am Flügel sitzend, oft auch stehend. Mitunter greift er sich den Mikroständer, hält ihn wie eine Tanzpartnerin, deutet Schritte an, legt eine Hand kokett an die Hüfte. Das führt nun nicht gleich zu einer Kommunikation mit dem Publikum, aber so aufgeräumt hat man den 75-Jährigen lange nicht erlebt. Rechts vom Piano steht eine antike Büste. Vielleicht Eurydike. Und Dylan als Orpheus, der die Unterwelt gesehen hat. Der auf dem Feld der Liebe so manche Niederlage einstecken musste. Wenn Walther von der Vogelweide die „Hohe Minne“ vom eindimensionalen Frauenlob befreite, so erreichte Dylan für die heutige Liebeslyrik eine neue Tiefe und Vielschichtigkeit. Auch dafür gebührt ihm der Nobelpreis. Die Crux aber ist, dass Dylan eben kein Dichter ist, sondern ein Songschreiber. „Love Sick“ braucht für die lyrische Entfaltung eben diesen stoischen Beat, um seine melancholische Klage so berührend zu gestalten. Oder „Tangled Up in Blue“: „All the people we used to know/They’re an illusion to me now“, singt Dylan, erstmals bereits als 34-Jähriger.

Eine Illusion, ein Mysterium ist Bob Dylan vielleicht auch selbst. Ob er den Nobelpreis verdient hat, wann er ihn abholt, das Paradoxon, dass er eine Literaturauszeichnung erhält, aber seit fünf Jahren keine eigenen Lieder mehr veröffentlicht – Petitessen bei einem Künstler, der die Rockwelt verändert hat. Die 2700 Konzertbesucher können sich glücklich schätzen, den besten Dylan seit Langem erlebt zu haben.

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