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Begeisternder Auftritt im Theater

Berührend und satirisch: „Die Zollhausboys“ aus Aleppo, Bremen und Kobani

HAMELN. Ein ebenso bedrückender wie bewegender Einstieg – ein Bremen-Bild aus längst vergangenen, kaum noch erinnerten Jahren: „1945 war die schöne Stadt zerbombt, am Boden, einfach platt.“ 73 Jahre später singt Ismaeel Foustok am Dienstagabend im Theater von seiner Stadt Aleppo: „So sieht jetzt heute meine Stadt aus.“ Und als Refrain: „Das is Aleppo! Da komm ich her. Ich floh über Land, ich kam übers Meer!“

veröffentlicht am 04.10.2018 um 17:39 Uhr
aktualisiert am 04.10.2018 um 20:00 Uhr

Bravourös: der Auftritt der „Zollhausboys“ im Hamelner Theater. Foto: Uwe Joestingmeier
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Richard Peter Reporter
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Vier Jugendliche aus Syrien landen in Bremens Zollhaus und treffen – glückliche Fügung – auf Pago Balke, der vor langer Zeit an unserem „Schiller“ sein Abi bestand. Einer seiner Lehrer – in Latein – Jürgen Schoormann, zuletzt Direx an der Vikilu. Er brachte jetzt die längst erfolgreiche Truppe, die sich „Die Zollhausboys“ nennt ins Spiel.

Ein Programm aus Songs, Poetry und Kabarett– eine bunte Mischung, die gekonnt unterhält und zwischendurch den Atem stocken lässt. Schicksale, Erinnerungen, Fluchtwege, Sehnsüchte. Sie hatten Glück im Elend – Musik, Tanz, Theater verbindet.

Azad Kour, der mit Tanzeinlagen beeindruckt, Ismaeel Foustok nicht nur mit seinem „Aleppo“, Delyar Hamza, Kurde im Quartett mit faszinierender Stimme, vor allem mit arabischen Melodien und Shvan Sheikho, ebenfalls Kurde, mit einer perfekten Tram-Szene mit Gerhard Stengert. Sie alle mit eigenen Texten, Kompositionen, Gesang, mit unterschiedlichen Instrumenten, oft nur eigenwilligen Klangkörpern und Stengert virtuos an Marimba und Vibraphon. Und über allem – ganz irdisch: Pago Balke. Sie alle mit „frenetischem Hamelner Applaus“, wie Theaterchef Wolfgang Haendeler formulierte, empfangen. Und Solidarität gefordert – „mit dem Kopf und dem Herzen“.

Tieftraurig von Azad Kour „Regen am Fenster“ und der „Geruch meines Heimatlandes“ erinnert, „flimmernder Erdboden“ und dicke Regentropfen. Röhren, die an Didgeridoos erinnern – hier aber Regen simulieren. Und ein Tanz, der dem eigenen Leben nachspürt, sich in seinen Bewegungen verliert. „We are one world“ von Pago Balke – und Syrien unter Baschar Al Assad mit „27 Stasis“ geknechtet. Balke mit einem skurrilen Schweizer Traum und Merkel als Flüchtling über den Bodensee. Und ein Vater als Superheld mit der Maxime „Männer weinen nicht“ und Tränen in den Augen mit Shvan Sikho. „Swinging tram“, Klatsch-Orgie à la Schuhplattler, dann witziger Einbürgerungstest mit „Fischers Fritz“ und als Pausen-Vorspiel: „Zitate werfen“ als heiteres Partyspiel. Unser Busch zitiert mit „Jeder Jäger wird mal ein Hase“ – und weil ohne Goethe gar nichts geht: „Der Patriotismus verdirbt die Geschichte“.

Nach der Pause eine Art Paraphrase auf „Mach hoch die Tür“ und germanische Gastfreundschaft nicht ganz so ernst genommen wie von weiland Tacitus. Und „Bajuwar braucht kein Mensch“. Aber sicher den Bayer Karl Valentin mit seinem genialen „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“. Bitter: „Coming from Aleppo to Paradice“ und Paradice eine „abgerockte, überfüllte Eislaufhalle“, für Foustok erstes Flüchtlingslager in Bremen. „AfDesaster“ mit kernigen Zitaten wie dem „Flüchtlings-Tsunami“ und „mannhaft, um wehrhaft zu werden“. „Deutscher Wald“ – eine kleine satirische Huldigung an Hamelns „singenden Studienrat“ Walter Hedemann.

Zwei Zugaben – darunter: „Ich zieh vor euch den Hut“ von Balke. Und die Truppe vom Publikum stehend gefeiert. Schade nur – wie bei Elternsprechtagen: es kommen immer nur die, die nicht kommen müssten. Die Angesprochenen lassen sich nicht ansprechen.



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