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Wieso Gerhart Hauptmanns Tragikomödie „Die Ratten“ zeitlos und immer noch brisant ist

Berlin – Tag und Nacht im 19. Jahrhundert

Hameln. Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück. Hier nicht. Hier, auf diesem schäbigen Dachboden, in diesem dreckigen Berliner Mietshaus, regieren Kummer und Sorge. Spröde, farblose Teppichfliesen wellen sich auf dem Bühnenboden. Auf ihnen agiert ein Ensemble, das am späten Dienstagabend im Theater Hameln außerordentlich langen Applaus erhält – für eine bemerkenswerte Leistung. Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ hat Tatjana Rese am Landestheater Detmold inszeniert. Das Publikum im gut besuchten Theater sieht eine mehr als zweieinhalbstündige, ergreifende Aufführung.

veröffentlicht am 06.02.2013 um 15:13 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 03:41 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Zeitlos ist diese Inszenierung zum Glück. Denn die unerwünschte Schwangerschaft oder der unerfüllte Kinderwunsch ist ein Dauerbrenner – nicht nur im 19. Jahrhundert. Erst vor wenigen Wochen hat Putin das Gesetz unterzeichnet, das US-Familien untersagt, russische Kinder zu adoptieren. Und von Promi-Frauen, die sich Leihmütter leisten, ist nicht nur in der „Gala“ zu lesen.

Doch zurück auf die Bühne. Sie zeigt weder eine Wohnung noch einen Dachboden – sondern ist beides: ein Treffpunkt für alle Bewohner. Vieles geschieht parallel, ohne als Nebensache entwertet zu werden. Pia Wessels hat die Bühne mit farbgetünchten, halbdurchsichtigen Vorhangbahnen verhüllt. Die verschiedenen Ebenen liegen hintereinander und gehen ineinander über. Tragödie ist eben überall. Stimmiges Licht in sonnigem Orange oder beißendem Türkis fällt je nach Situation durch die Spielräume.

Der Kürzung des Dramas sind einige Personen zum Opfer gefallen – darunter Frau Hassenreuther, Schauspieler Nathanael oder die Polizisten. Vermisst werden sie nicht. Reses Bearbeitung ist sehr stimmig, hat heitere Momente, ebenso humorige Situatiönchen, immer aber bleibt und verschlimmert sich das ausweglose Desaster.

Ewa Rataj brilliert in der Rolle der tragischen Antiheldin Jette John. Sie will ein Kind. Sie hatte ja schon eins. Doch das ist tot. Da bietet es sich an, dass das Dienstmädchen Pauline (großartig: Anna Katharina Schwabroth) ungewollt schwanger ist. Rataj spielt die John dem Wahnsinn nahe, steigert deren mütterliche Fürsorge ins Unerträgliche. Markus Hottgenroth gibt den Theaterdirektor Hassenreuter als ganz schön sympathischen Überlegenen, der klug die Situation analysiert. Melanie Tóth spielt die kleine Selma mit kindlichem Charme. Besonderes Vergnügen bereitet es, Joachim Ruczynski und Jürgen Roth als untalentierte Schauspielschüler zu sehen.

Irgendwo auf der Welt gibt’s großes Glück – am Dienstag im Theater Hameln.



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