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Schocker „Die Vögel“ in Hameln

Bei der Spannung die Dosis überzogen

HAMELN. Den Horror-Klassiker „Die Vögel“ – 1963 von Alfred Hitchcock verfilmt –, hat das Berliner Kriminaltheater auf die Hamelner Bühne gebracht. Es war spannend – häufig aber übertrieben spannend.

veröffentlicht am 09.11.2018 um 15:31 Uhr

Nat und Diane, zwei Fremde, versuchen sich in einem Haus vor dem Ansturm der Vögel zu schützen. Foto: Herbert Schulze/pr
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Autor

Richard Peter Reporter

Erschreckend modern, geradezu heutig dieser Thriller nach Daphne du Mauriers nicht mehr ganz so jungen Erzählung „Die Vögel“. Kreischende Rachengel, mit denen sie ihre so eigenwillige Apokalypse beschwört. Die Natur schlägt zurück. Tausende Vögel stürzen sich im Tide-Rhythmus auf die Menschen, vernichten deren Leben, das sich dramatisch aufs Überleben reduziert. Mit allen Entblößungen. Tote auf den Straßen, Plünderungen, brutale Überfälle. Die Medien sind verstummt, kaum noch Licht, vor allem: nichts zu essen.

In einem verfallenen Haus an einer Bucht hat sich die Schriftstellerin Diane verbarrikadiert. Ein Mann sucht nach einer Vogel-Attacke bei ihr Schutz, später kommt Julia dazu. „Huit Clos“ heißt das bei Sartre, und der Filmemacher Bunuel hat das Thema der „Geschlossenen Gesellschaft“ ebenfalls in seinen Filmen aufgegriffen. Hitchcock hat damit Anfang der 1960er Jahre einen beeindruckenden Horror-Streifen auf die Leinwand gebannt. Und die Vögel als visualisierte Nemesis. Auf der Bühne – in der Bearbeitung von Connor McPherson – sind es eher die Eingeschlossenen. Eine Schicksalsgemeinschaft, Fremde, die sich arrangieren müssen. Eine Menage à trois, zu der noch ein Nachbar kommt, Tierney, ein Mann mit Gewehr und Zwiebelkonserven, die als Birnen deklariert, für Verwirrung sorgen. Drei Individuen, die zur Gemeinsamkeit verflucht sind. Eine Reihe typischer Szenen in denen Phasen des Zusammenlebens fokussiert werden. Ängste, Misstrauen, Liebe, ein Besäufnis mit Folgen – und immer die spürbare Bedrohung. Schließlich: die Auflösung – der Nachbar wird tot am Strand gefunden, Julia wird von Diane ausgesperrt, die mit Nat das Haus verlässt, das von den Vögeln erobert wird.

Ein Psychothriller des Berliner Kriminaltheaters, spezialisiert auf Spannung, die in der Inszenierung von Wolfgang Rumpf auf der Bühne in Hameln exzessiv ausgespielt wurde. Susanne Meyer als Diane, die als Schriftstellerin in den Situationen immer auch Stoffe sieht, die sie in einem Tagebuch notiert – eine Figur ganz nahe an Daphne du Maurier. Jean Maesér, ein Mannsbild halt, das Julia schwängert, ein Zögerer, der von der Situation überfordert ist. Julia schließlich, mit Claudia Rippe besetzt, will einfach nur überleben. Die einzige mit einer Art vegetabilem Überlebenswillen. Mario Krüger als Tierney – ein verwundetes Tier auf der Suche nach einer Überlebenschance, die ihm verweigert wird.

Wolfgang Rumpf inszeniert, was per se spannend ist, noch spannender, überzieht häufig. Eine Gruppe, Endzeit-Kandidaten, müsste eigentlich müder sein, mürber. So dankbar Ausbrüche auch zu spielen sind – Kraftlosigkeit, Resignation können manchmal stärker sein. Nach den nostalgischen „Die Drei von der Tankstelle“, einem Kinohit, nun also Hitchcocks „Die Vögel“, die den Sensiblen einst nachts den Schlaf raubten. Ein Psycho-Parforce-Ritt auch hier – der einen dennoch ruhig schlafen lässt. Und das bei einem Thema, das um den Schlaf bringen müsste.



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