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Dewezet-Classics: 5. Hamelner Konzert aber nur mäßig besucht

Begeisterung für Gäste aus Wuppertal

HAMELN. Es war schon ein wenig mitleiderregend: Die Mitglieder des Sinfonieorchesters Wuppertal kamen auf’s Podium und blickten sichtlich enttäuscht auf die vielen leeren Reihen im Theater Hameln. Wie kann man es erklären, dass dieses Konzert mit weither angereisten Gästen und einem vielversprechenden Programm nur so mäßig besucht war? Allerdings: Wer da war, erlebte einen großartigen Abend!

veröffentlicht am 13.06.2018 um 17:11 Uhr

Das Sinfonieorchester Wuppertal glänzt in Hameln. Foto: geb

Autor:

Ernst-W. Holländer

Vor das stark besetzte Orchester trat eine apart aussehende Frau: die aus England stammende Dirigentin Julia Jones – und schon nach wenigen Takten wußte man: Dies ist eine Orchesterleiterin, die mit absolut klarer Gestik, präzise angegebenen Einsätzen, auch weit ausholenden Armen ihre Musiker „im Griff“ hat, sie beschwört und inspiriert. In Wuppertal kann man dankbar sein, sie als neue Generalmusikdirektorin zu haben.

Für an Wohlklang gewohnte Ohren ist die Sinfonia concertante in e-moll, opus 125, für Violoncello und Orchester von Sergej Prokofiew kein reines Labsal. Dieser Komponist hat ein früheres Cellokonzert aus den 30er Jahren 1950/51 (zu dieser Zeit war er schon ein 60er) zu einem neuen, Musiker wie Hörer fordernden Werk umgearbeitet, das aber nach kurzem Einhören wahrlich fasziniert. Für das Soloinstrument gibt es alle erdenklichen Aufgaben: höchst virtuosen Zierat, Doppelgriffe, Arpeggien, Pizzicati, aber auch sehr ansprechende sangliche Passagen. Im zeitgenössisch reich besetzten Orchester findet man ein ausgeweitetes modernes Instrumentarium. Zu erleben war hier, welche heiklen Anforderungen für das Dirigat gestellt werden, auch im Zusammenwirken mit dem Solisten.

Im Solopart aber glänzte Alban Gerhardt mit einem wunderschön klingenden Cello aus 1710, und man wurde nicht müde, diesem Feuerwerk hoher Kunst zu lauschen, vor allem im langsamen Satz mit seinen Kantilenen, dann aber im mehrfach aufgeteilten Schlusssatz voller Überraschungen. Dass der Solist selbst helle Freude am Spiel hatte, sich auch mit dem Orchester und der Dirigentin in kongenialer Partnerschaft verstand, war deutlich zu sehen. Es gab anhaltenden Beifall – und Gerhardt dankte mit einer Zugabe: Bachs Prelude zur vierten Suite für Cello solo zeigte ihn als einen ganz anderen, eher verhalten musizierenden Cellisten. Man freute sich nach der Pause auf die Sinfonie Nr. 3 in a-moll, opus 56, von Felix Mendelssohn-Bartholdy, die man als „Schottische“ kennt. Der so sympathische Meister hat die Welt in seinem nur kurzen Leben mit herrlichsten Werken beglückt, war hervorragender Instrumentator, und im eher düsteren Charakter eben dieser Sinfonie malte er unvergleichliche Stimmungen. Den Musikern aus Wuppertal und ihrer bewundernswerten Dirigentin gelang eine schlicht meisterhafte Wiedergabe. Die langsame Einleitung des Kopfsatzes und das folgende lange Allegro hörte man in Einzelheiten zelebriert, das an zweiter Stelle stehende Scherzo huschte dahin, und dann gab es ein klanglich wundervolles Adagio, das der Rezensent selten so gehört hat.

Auch der Schlusssatz geriet wieder düster und drohend mit harten Akzenten, grellen Blechbläser-Einwürfen, ehe dann am Ende, kaum erwartet, jener grandiose Maestoso-Gesang in hellem Dur anhob, am Ende vielleicht etwas zu schnell vorangetrieben. Und dieser Gesang wurde nach dem frenetischen Applaus der begeisterten Hörer schließlich wiederholt, man hatte ihn noch auf dem Heimweg im Ohr.

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