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Murray Perahia und die Academy of St. Martin in the Fields bei Pro Musica im Kuppelsaal

Beethoven mit Blackout

HANNOVER. Das ist schon ziemlich nah an der Vollendung: Wie die verschiedenen Geiger zu einer einzigen Stimme verschmelzen, wie feinsinnig und schnell die unterschiedlichen Musiker auf ihre Kollegen reagieren, wie das ganze Orchester der Londoner Academy of St. Martin in the Fields wirklich den Eindruck eines eingeschworenen Kammermusikensembles macht.

veröffentlicht am 06.11.2017 um 14:38 Uhr

US-Pianist Murray Perahia ist der Academy bereits seit 17 Jahren als Erster Gastdirigent verbunden. Foto: Alexander Körner

Autor:

Stefan Arndt

Und es kommt besonders eindrucksvoll zur Geltung, wenn der US-Pianist Murray Perahia, der der Academy bereits seit 17 Jahren als Erster Gastdirigent verbunden ist, das musikalische Geschehen als Erster unter Gleichen mit seiner wunderbar abgeklärten, auf die Tiefe zielenden Sichtweise prägt.

Kein Finale im Jubelton


Der 70-jährige Pianist hat jetzt etwa dafür gesorgt, dass beim Pro-Musica-Konzert im Kuppelsaal das Finale von Beethovens fünftem Klavierkonzert nicht, wie oft zu hören, straff im Jubelton marschiert. Bei ihm scheint auf der Musik vielmehr noch ein sanfter Nachglanz des Adagios zu liegen, einem der schönsten und geheimnisvollsten langsamen Sätze, die Beethoven komponiert hat. Und doch konnte man in Hannover nun auch erleben, dass derart gute Voraussetzungen nicht automatisch für ein herausragendes Konzert sorgen: Auch bei den besten Musikern kann der Funke nicht jeden Abend überspringen. Im Kuppelsaal wollte Beethovens Musik jedenfalls nicht recht abheben. Das letzte Klavierkonzert schien wie die erste Sinfonie und die kurze Violin-Romanze auf der Startrampe zu kleben. Der Abend hatte so nicht die magische Qualität des Auftritts der Londoner im vergangenen Jahr, als Joshua Bell den Kuppelsaal mit dem Beethoven-Violinkonzert verzauberte.

Das Orchester Academy of St. Martin hat sich zur Einspielprobe im Kuppelsaal um den Pianisten und Dirigenten Murray Perahia plaziert. Foto: Alexander Körner
  • Das Orchester Academy of St. Martin hat sich zur Einspielprobe im Kuppelsaal um den Pianisten und Dirigenten Murray Perahia plaziert. Foto: Alexander Körner

Grober Klang im Kuppelsaall


Das lag sicher weniger an kleinen Makeln wie dem kurzen Blackout des mit Partitur dirigierenden, aber auswendig spielenden Pianisten, der im ersten Satz um ein Haar zum Abbruch geführt hatte. Eher erscheint es möglich, dass die Musiker nach drei Abenden in der akustisch fein ansprechenden Elbphilharmonie jetzt von den recht groben Klangverhältnissen im Kuppelsaal überrascht waren – Wärme, Intimität, irgendetwas Schwebendes, das über Perfektion und Raffinesse hinausging, war jedenfalls weder bei den von Konzertmeister Tomo Keller geleiteten ersten Werken noch beim Klavierkonzert mit Perahia zu bemerken.

Aber das ist ja gerade wichtigstes Kennzeichen des Außergewöhnlichen: Es tritt nicht immer ein. Man kann auf den nächsten Auftritt der Academy also gespannt sein.


Termine: Freitag, 24. November, 19.30 Uhr: Im Funkhaus spielt der Trompeter Gábor Boldoczki mit den Musikern der Prager Philharmonie.

Sonntag, 3. Dezember, 19.30 Uhr: Im Kuppelsaal singt Bariton Christian Gerhaher Auszüge aus Mozarts „Don Giovanni“. Beim Auftritt der Bamberger Symphoniker mit ihrem neuen Chefdirigenten Jakup Hrusa steht außerdem die vierte Sinfonie von Johannes Brahms auf dem Programm.

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