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Eine Oper über Jugendkult und Schlankheitswahn: „Hübsch hässlich“ ist im Ballhof 2 zu sehen

Auf Fett-Terrinen reimen sich Fett-Blondinen

Hannover. Es ist die ins Groteske verzerrte Version einer TV-Model-Show im Stil von Heidi Klum. Da wirft sich die Gräfin (Sandra Fechner) in der Premiere der neuen Produktion der Jungen Oper Hannover „Hübsch hässlich“ im roten Abendkleid im Ballhof 2 ein ums andere Mal in Pose. Und die elfjährige Bella ahmt jede Bewegung ihres Vorbildes nach. Unbeholfen wirkt das Mädchen. Dass es in Wirklichkeit viel kindlichere Wünsche und Sehnsüchte hat, zeigt der überdimensionale, mit Schokolade beschmierte Löffel in ihrer Hand.

veröffentlicht am 16.01.2012 um 17:17 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 20:21 Uhr

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Autor:

Jutta Rinas
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„Bella“, italienisch für „Schöne“: Der Name der Hauptfigur in „Hübsch hässlich“ ist programmatisch zu verstehen. Um eines der großen Themen unter Mädchen geht es in der Oper der schwedischen Avantgardekomponistin Karin Rehnqvist für Kinder ab zehn Jahre, um Schönheitswahn oder den Mut zur Hässlichkeit, um Angepasstheit oder trotziges Aufbegehren gegen die gesellschaftliche Rolle des hübschen, braven Mädchens. Eine riesige Schrankwand voller alter Spielsachen – Kreisel, Schaukelpferdchen, Teddybären, Puppen (Bühne: Marie Fischer) – dient als Kulisse für einen Opern-Thriller, der zu Beginn der Pubertät spielt.

Die elfjährige Bella soll im weißen Kleidchen zur Hochzeit der Mutter mit deren zweitem Ehemann gehen. Sie verweigert sich, lässt sich dann von Thorko, einer Mischung aus Mensch und Raubvogel, in das Reich der schönen Gräfin locken, um dort das „Schönsein“ und „Bravsein“ zu lernen. Die unheimliche Gräfin hat zuerst ihrer eigenen hübschen Tochter, dann hundert anderen Mädchen das Blut ausgesaugt, um für den mysteriösen Grafen von Pappalonien ewig jung und begehrenswert zu bleiben. Bellas Kampf gegen die Verführungskünste Thorkos und der Gräfin, ihr Ringen um eine eigene Identität bilden den Kern der Oper. Regisseur Karsten Barthold setzt den inneren Konflikt um, indem er Bella das zweite Mädchen aus der Oper als eine Art Spiegelbild gegenüberstellt: die namenlose Hässliche (Neele Kramer).

Dass für seine herausragende Inszenierung – die zehnjährige Zuschauer ohne Vorbereitung wohl überfordern dürfte – ein Hang zu grellen, drastisch überzeichneten Szenen charakteristisch ist, zeigt der merkwürdige Vogel Thorko (stimmlich und schauspielerisch herrlich exaltiert: Michael Chacewicz).

Die „Fettarie“ stellt einen musikalischen Höhepunkt dar. „Schwabbelnd, fettig, übertrieben, etwas stolpernd“ – so lauten die Regieanweisungen im Libretto nach dem Text von Kerstin Klein-Perski. Zu der rhythmisch und harmonisch nicht immer ganz leicht zu verstehenden, spröden Avantgardemusik eines Kammerensembles (Leitung: Mark Rohde), werfen sich die Gräfin und Bella in einem virtuosen Gesangsduett immer neue Ausdrücke für Dicke an den Kopf: Fett-Terrinen reimen sie auf Fett-Blondinen, auf Fettwürste folgen Speckschwarten mit schwappenden Fettfüßen und schlabbernden Fettfingern. Kein Zuhörer wird diese groteske Arie so schnell vergessen. Ein sehr gelungenes Stück.

Die nächsten Termine: heute und am 26. Januar um 11 Uhr sowie am 5. Februar um 15 Uhr im Ballhof 2.



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